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Richard Strauss

Eine Alpensinfonie, Till Eulenspiegels lustige Streiche

WDR Sinfonieorchester Köln, Semyon Bychkov

Hänssler Profil/Naxos PH 09065
(64 Min., 12/2007) 1 CD

Selten wurde und wird ein sinfonisches Werk derart oberflächlich missverstanden wie Strauss' Alpensinfonie. Noch heute glaubt man von hoher avantgardistischer Warte aus "erschütternd feststellen zu müssen, dass reines Nachbilden sicht- und hörbarer äußerer Sinneseindrücke das Wesen dieser Musik bestimmt". Diese ach so "erschreckende Wahrheit" (Hartmut Becker) zielt gleich doppelt am Objekt der Schelte vorbei. Nicht nur verkennt sie dessen Formenreichtum (vom Jodler bis zur komplexen Fuge) und progressive Tonsprache (inklusive Geräusch und Cluster). Sie ignoriert auch die ideengeschichtliche Quelle dieser letzten, 1915 uraufgeführten Tondichtung: Nietzsches "Antichrist", nach dem Strauss sein Opus 64 sogar betiteln wollte (was wegen reaktionärer Publikumsreaktionen unterblieb). Aus dem religions- und zivilisationskritischen Konzept "Sittliche Reinigung aus eigener Kraft, Befreiung durch die Arbeit, Anbetung der ewigen herrlichen Natur" heraus plante der 50-Jährige eine riesige mehrteilige Sinfonie. Aber "nur" die 50-minütige sinfonische Bergwanderung daraus mit ihren symmetrisch angeordneten Großabschnitten Nacht / Sonnenaufgang / Aufstieg / Gipfel / Abstieg / Gewitter / Nacht wurde Realität. Dass auch hierbei Nietzsche Pate stand mit der Idee der Tragödie alles (künstlerischen) Schaffens: "Alles, was entsteht, muss zum leidvollen Untergange bereit sein" – das interessiert heute kaum noch. Und doch: Weiß man darum (wozu das kluge Booklet der neuen WDR-Produktion einlädt), dann klingt Strauss' gigantisches Szenario doch nach mehr als nur naturalistischem Kuhglocken-Gebimmel und Windmaschine. Aber auch wer, wie üblicherweise, nur das einzigartige Klangfarbenspektakel goutieren will, ist mit Semyon Bychkovs Kölner Darbietung bestens bedient. Bei ihm kann er – tontechnisch vortrefflich austariert – süffigst in den Breitwand-Orgien des gut 125-köpfigen Riesenorchesters baden, sich herrlich im gleißend hellen C-Dur-Gipfelglück (der grandiosen Befreiung vom religiös verängstigten Zivilisationsgeschwätz) sonnen und von der subkutan brodelnden, dann orkanartig ausbrechenden Gewittergewalt (dem tragischen Scheitern des Künstlers) erschüttern lassen. Aber auch jenseits dieser bombastischen Höhepunkte, im idyllisch-elegischen Innehalten, erweist sich Bychkov als hellhöriger Gestalter von Strauss' Hypnoseklängen. Nur in den etwas schwerfällig genommenen Eulenspiegeleien reicht der Russe nicht ganz an die überragenden Strauss-Exegesen eines Solti, Leinsdorf und Karajan heran.

Christoph Braun, 17.04.2010



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