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Anton Bruckner

Sinfonie Nr. 4 u. 7

Münchner Philharmoniker, Christian Thielemann

C-Major/Naxos 701908
(156 Min., 2006 und 2008)

Man wagt sich kaum noch an den Kritiker-PC, wenn man die Hymnen vernimmt, die von prominenter Warte aus zum Thema "Bruckner und Thielemann" angestimmt werden, allen voran von unserem Münchener Kritikerkaiser und, kürzlich im RONDO-Interview, von Anne-Sophie Mutter, beide Karajan-Verehrer bzw. – wie Thielemann selbst – ehemalige Karajanschüler. Im derzeitigen Noch-Münchner, bald Dresdner GMD erblicken sie in Sachen Bruckner den einzig legitimen Stellvertreter HvKs auf Erden. Das DVD-Booklet der von Thielemann in Baden-Baden zelebrierten Vierten und Siebten schwärmt gar vom "gegenwärtig interessantesten und auch substantiellsten" Brucknerinterpreten, von seiner Kunst, die "Harmonie der Schöpfung" hier, in diesen beiden "positiv-romantischen" Werken, zum Klingen zu bringen. Seufzen möchte man über so viel transzendentale Verzückung. Huldigt sie doch jenem traditionellen Brucknerbild, das sich gerne aus dem fürstbischöflich-frommen Herkunftsambiente des Komponisten speist und das dem Helden (wieder) jene mystische Aureole umhängt, die unkonventionelle Brucknerexegeten unserer Tage wie Gielen, Harnoncourt, Norrington und Herreweghe in den letzten 10 Jahren zu entfernen suchten, sei es aus strukturell-nüchternen und/oder blutvoll-"geerdeten", in jedem Fall "weltlichen" Gründen. Nun also wieder Weihe und Apotheose, mit dem Hohepriester Thielemann (ausgerechnet dieser Preuße!). Doch lassen wir die außermusikalischen Vorurteile. Was uns in Baden-Baden – in wahrhaft mäandrierenden Tempi – ans fromme Ohr brandet, ist eben keine stringente, in sphärisches Blau getauchte Monumentalität à la Karajan, sondern eine Aneinanderreihung "schöner", mitunter überwältigend schöner "Stellen" (um mit Adorno zu sprechen). Sicher: Thielemanns "sphärische" Momente, dargeboten in solch makelloser Orchesterpräzision, ziehen in ihren Bann, namentlich seine glasfaserfeine Ziselierung der bis zum atemlosen Stillstand zelebrierten "Übergänge". Aber: Derart ausgekostet, ohne Sinn für Temporelationen des Zuvor und Danach, sind diese Übergänge eben keine Brücken zwischen den strukturtragenden Quadern (in Peter Gülkes kluger Bruckneranalyse: "Leerstellen" zum Atemholen), sondern purer Selbstzweck. Der melodisch-linear und harmonisch-vertikal stringente Formverlauf der Sinfonien weicht hier dem selbstverliebten, wohlig warmen Klangbad, gerade auch in den riesigen Crescendi, die sich, wie immer bei Thielemann, mit Hyper-Ritardandi entladen. Höhepunkt dieses altväterlichen Dienstes am Brucknertabernakel ist selbstredend das auf 25 Minuten gedehnte Adagio der Siebten. Natürlich mit dem vom Komponisten nicht legitimierten, aber effektsicheren Beckenschlag auf dem pyramidalen Höhepunkt. Damit die Überwältigungsstrategie auch funktioniert. Und siehe da, in Baden-Baden funktionierte sie: Nach einer Minute ehrfürchtigen Schweigens hob die Gemeinde zum Jubeln an.

Christoph Braun, 15.05.2010



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