Seltsam schon, dass ausgerechnet von Debussys bildmächtiger Oper "Pelléas et Mélisande" so wenig wirklich interessante Deutungen auf DVD vorliegen. Die Produktionen aus Lyon und Glyndebourne flüchten sich mit der seltsamen Geschichte in einen großbürgerlichen Salon, die an sich respektable Züricher Deutung findet schöne Rätselbilder, verliert sich aber in der immer gleichen Formelhaftigkeit eines Puppenspiels. Peter Steins Inszenierung fürs Pariser Châtelet kommt in mehr oder minder stilisierten Bühnenbildern wie das inszenierte Reclamheftchen daher – und eine ähnliche Herangehensweise bevorzugt auch die vorliegende Fassung fürs Theater an der Wien. Die Ausstatterin Chantal Thomas hat die Drehbühne mit allerhand geschmackvollem Plunder, mit Säulen, Treppen, Brunnen, Schiffsgerippen und Weinspalieren vollgestellt. Dazwischen bewegt der Regisseur Laurent Pelly die Figuren mit einem Psychorealismus, der an der Geschichte haarscharf vorbeizielt, weil er dem Stück eine innere Motivation und eine Zielgerichtetheit unterstellt, die es nicht gibt. Dies wird genau denjenigen gefallen, die mit der Rätselhaftigkeit und Spannungsarmut des Stücks schon immer wenig anzufangen wussten.
Rätselhaft bleibt in Wien eher, warum man für die stimmlich nicht eben anspruchsvolle, aber darstellerisch heikle Partie der Mélisande die zwitschernde Zaubergurgel Natalie Dessay besetzt hat. Hier muss sie Sprünge machen und sich drehen wie ein junges Mädchen, das sie leider nicht mehr ist. Überzeugender Laurent Naouri als Golaud, auch wenn er dem vielschichtigen Charakter doch etliche Nuancen schuldig bleibt. Stéphane Degout gibt dagegen einen Pelléas wie aus dem Bilderbuch: jung, gutmütig und naiv, mit angenehm ansprechendem Bariton – und schaut dabei auch noch blendend aus. Dass heute der typisch französische Sprechgesang, die subtile Prosodie und die feine Voix-Mixte-Kultur ausgestorben scheinen, kann man den Sängern nicht wirklich zum Vorwurf machen. Betrand de Billy dirigiert einen nüchternen und eindimensionalen Debussy, bei dem weder die klangfarblichen Finessen, noch die kontrapunktischen Feinheiten der Partitur zur Geltung kommen. "Die Poesie von 1905 ist die Idiotie von 1927" urteilte einst Hanns Eisler anlässlich einer Berliner Aufführung. Doch Debussys Symbolismus, seine Abkehr von aller "Bedeutung" ist aktueller denn je. Man hätte in Wien 2009 nur eine eigene Haltung und eine eigene Sprache dafür finden müssen.

Markus Kettner, 22.05.2010



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