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Frédéric Chopin

Sonate h-Moll, Scherzo E-Dur, Fantaisie f-Moll u.a.

Nikolai Lugansky

Onyx/Codaex ONYX4049
(67 Min., 11/2009)

Nikolai Lugansky spielt einen im besten Sinne nüchternen Chopin. Nicht emotionsarm, das nicht, aber von solcher Luzidität, solcher Klarheit, dass Romantizismen jenseits des Notentextes obsolet werden – dass diese Musik aus sich selbst spricht. Überhaupt fällt auf, dass der Russe immer eine Erzählhaltung einnimmt, dass er die der Musik innewohnende Geschichte beredt vor dem Hörer ausbreitet. Das beginnt schon in der h-Moll-Sonate: Wie der Kopfsatz einen mal nachdenklichen, mal melodieverlorenen Balladenton annimmt, Beginn und Schluss des Scherzos von atemloser Irrlichterei berichten (beinahe eine Parodie Mendelssohn'scher Elfenreigen!), das Largo zu geradezu episch-melancholischer Ruhe kommt – und der Finalsatz setzt in Metronomzahlen gemessen beinahe gemächlich ein. Aber im Innern der Musik kocht es, und Luganskys Reserven für die Steigerung sind enorm. Sogar die brodelnden Sechzehntel beim dritten und letzten Themenauftritt, komponiert für schmalere und leichter ansprechende Tasten, grundieren eine Geschichte.
Fantaisie-Impromptu cis-Moll und Fantaisie f-Moll legen schon im Titel eine improvisatorisch-schweifende Erzählhaltung nahe. Aber auch die kürzeren Stücke, ein Prélude, ein Nocturne, ein Walzer, sind keine Genrebildchen, sondern eben – Kurzgeschichten, und eine für Chopin erstaunlich heitere Novelle wird unter Luganskys Händen dann wieder das E-Dur-Scherzo. Des Russen manuelle Fertigkeit steht außer Frage, deshalb kann sie sich auch nie in den Vordergrund drängen, nie auf sich aufmerksam machen, wie's selbst dem großen Horowitz (nicht nur, aber da besonders!) bei Chopin bisweilen unterlief. Das ganze Gefasel, der Komponist sei durch die Begegnung mit George Sand "weich" geworden oder gar "larmoyant", wird von dieser Aufnahme spielerisch in der Luft zerfetzt: In Luganskys pianistischer Erzählhaltung liegt auch ein Stolz des souveränen Gebots über das Material, das es weiterzuerzählen gilt. Großes Klavierspiel ist das – von der Technik sehr natürlich eingefangen.

Thomas Rübenacker, 22.05.2010



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