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Turnaround

Dave Liebman

Jazzwerkstatt/Records Vertriebsges. JW 079
(61 Min., 1/2010)

Welch passender Titel, denkt man zunächst, bezeichnet doch Turnaround in der Musikersprache eine wichtige Kadenzwendung innerhalb der harmonischen Form. Dave Liebman, der Saxofonist in der Tradition von Wayne Shorter und insbesondere des mittleren Coltrane, wird für die harmonische Raffinesse in seinem Spiel gerühmt. Umso mehr verwundert es, dass es sich bei dem Turnaround dieses Albums um eine Ornette-Coleman-Komposition handelt und das Album überhaupt ein Coleman-Repertoire-Projekt darstellt. Eben dieser Ornette Coleman war es ja, der mit dem Primat der strikten melodischen Linearität der wichtigste Begründer des Free Jazz war. "Wir spielen die Musik, die Melodie und nicht Kadenzen, ihren Hintergrund", so lautete Colemans Programm. In seiner großen Aufbruchszeit verzichtete er allerdings nie auf eine swingende Rhythmusgruppe im Sinne des Bebops. Aus der Distanz hat Dave Liebman den Melodiker Coleman stets verehrt. Im Jahre des 80. Geburtstages des großen Altvorderen hat er dieses Album in der leicht abgewandelten Quartettbesetzung von Colemans klassischer Periode konzipiert. Anstelle der Trompete bzw. des Klaviers spielt Vic Juris Gitarre. Es reizte Liebman, den von ihm bewunderten frühen Coleman-Melodien ein harmonisches Gerüst anzupassen. Das Ergebnis ist eine reizvolle Mischung aus typisch Liebman'schem raffiniert harmonisch virtuosem Ansatz und der doch nie verleugneten abstrakt lakonischen Schönheit der Ornette-Coleman-Linien. Großartig dabei Vic Juris, der Pat Metheny kennt und sich zu John Abercrombie bekennt. Der Klang der Aufnahmen ist ehrlich, ungeschönt und direkt, auch das unterstreicht die Coleman-Komponente. Seltsam nur, dass "Lonely Woman", Colemans wohl bekannteste Komposition, im Fußgängerzonen-kompatiblen Anden-Sound daherkommt.

Thomas Fitterling, 26.06.2010



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