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Richard Wagner

Der Ring des Nibelungen

Catherine Foster, Erin Caves, Johnny van Hal, Thomas Möwes, Hidekazu Tsumaya, Mario Hoff u.a., Staatskapelle Weimar, Carl St. Clair, Michael Schulz

Arthaus Musik 101 373 (Blue Ray 101 374)
(930 Min., 2008) 7 DVDs

"Falsch und feig ist, was dort oben sich freut!" Selten konnte man die Klage der Rheintöchter über den göttlichen Machtmissbrauch (und dessen Aktualität) so unmittelbar nachvollziehen wie in diesem Nibelungenring, den das Weimarer Nationaltheater 2008 schmiedete. Michael Schulz verbannte nicht nur alles hochtrabende, altgermanisch-mystisch-mythologische Raunen von der Bühne. Er übersetzte vielmehr die gigantische Tetralogie um (männliche) Macht, Neid, Wahn und Weltenschicksal in eine kleinbürgerliche Familientragödie, deren Verhängnis die Kinder von Generation zu Generation weitertragen. Wobei er das tragische Geschehen in ein wahrhaftiges "Spiel" einbettet, in dem Kinder nicht nur als kundige Nornen jeweils zu Beginn der vier Dramen deren Inhalt erzählen, sondern beispielsweise auch als pubertierend-lärmende Walkürentöchter in einer Kissenschlacht toben – bis Wotan hereinpoltert, ihr unbarmherziger Vater, dem Kinder nur Mittel zum Machtzweck sind. (Und wer dieser Tage das Wagner'sche Familienverhängnis in Gestalt seines unlängst verstorbenen Enkels und dessen verbanntem Sohn sich vergegenwärtigt, der kommt aus dem erschreckenden Staunen über die Parallelen von Bühnen- und realem Clan-Geschehen nicht heraus).
Ist diese Weimarer "Vermenschlichung" der Götterparabel nicht auch eine Verniedlichung, geschuldet womöglich den materiellen Nöten einer "Provinz"-Bühne? Weit gefehlt! Die Tugenden, die Schulz aus den vermeintlichen Nöten zieht, wie er das Beziehungsgeflecht der Protagonisten blitzgescheit immer wieder in den 15 Bühnenstunden aufleuchten lässt, und wie diese Protagonisten Wagners Sängerpostulat (sie sollten zuerst "gute Schauspieler" mit bester Artikulation sein) verwirklichen: Diese Weimarer Meriten lassen einen den Bühnenpomp oder das hektische Videogeclipse anderer, berühmterer Wagnerbühnen keine Sekunde lang vermissen. Dass die sängerischen Leistungen nicht immer höchsten Ansprüchen genügen (etwa beim schauspielerisch exzellenten, jedoch heftig tremolierenden Alberich Tomas Möwes' oder dem "tenoral" allzu leichtfüßigen Wotan Mario Hoffs), das sollte man nicht überbewerten. Zumal es auch einige Glanzlichter gibt, etwa Reatus Mészár (Wotan, Hagen) Catherine Foster (Brünnhilde), Hidekazu Tsumaya (Fafner, Hunding) und – mit etwas Abstand – Erin Claves' Siegmund und Johnny van Hals' Siegfried. Schließlich kann man auch staunen über das, was an Feinarbeit aus dem Weimarer Orchestergraben tönt, erst recht nach einem noch etwas statuarisch angegangenen "Rheingold". Ergo: alle Achtung vor so viel Wagnerzauber in der sogenannten Provinz!

Christoph Braun, 26.06.2010



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