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Joseph Haydn

Zwölf Londoner Sinfonien (Nr. 93 - 104)

Les Musiciens du Louvre Grenoble, Marc Minkowski

Naive/Indigo 948952
(224 Min., 6/2009) 4 CDs

Was kann ein Draufgänger wie Marc Minkowski mit Haydns Londoner Sinfonien anstellen? Natürlich kehrt der 47-Jährige da, wo es möglich ist, ihren Furor heraus. Das einzige Moll-Werk der Zwölfersammlung (Nr. 95) erhält im Eröffnungssatz scharfe, fast gewaltsame Konturen, die jedem Bühnendrama Ehre machen würden – ein "Plus" auch der Adagio-Einleitungen, die Minkowski tiefgründig auslotet. Das berühmte Allegretto wiederum, das der "Militär"-Sinfonie (Nr. 100) ihren Namen gab, wartet – wen wundert's – mit wahrlich martialisch-türkischem Schlagwerk auf, sodass Haydns Anti-Kriegs-Anliegen, die Grausamkeiten der Militärs inmitten des unbeschwerten Allegretto-Friedens bewusst zu machen, im Wiener Konzerthaus, wo Minkowski alle Londoner Werke im Juni des vergangenen Jahres einspielte, gehörig Wirkung zeigen. Fast selbstredend, möchte man meinen, sind auch die Vivace-, Presto- und Spiritoso-Rausschmeißer, etwa von Nummer 97, 100 und 102, bei dem französischen Feuerkopf in besten Händen. Allerdings: Ausgerechnet hier zeigt sich auch dessen Manko. Minkowski fehlt es, was besonders im Finale von Nr. 98 (mit der bewusst verstaubten Cembalo-Reminiszenz) auffällt, mitunter an Leichtigkeit und Flexibilität, um den dezenten Witz, den hintergründigen Esprit der Haydn'schen Spätkunst aufscheinen zu lassen. Da er seine Tempi recht mechanisch durchhält und auch wenig dynamische Feinabstufungen kennt, kommt das Verschmitzt-Tänzelnde, das beispielsweise Norrington so kongenial getroffen hat, nur wenig zur Geltung. Das soll nicht heißen, dass der Franzose keinen Witz kennt, im Gegenteil: Keiner hat bislang Haydns "Surprise" der Nr. 94 so wörtlich genommen, und zwar für heutige Hörer, für die die Andante-"Überraschung" des Fortissimo-Paukenschlags auf falscher Zählzeit natürlich keine mehr ist. Was also macht Minkowski? Er lässt den Knaller beim ersten Mal einfach weg, beim zweiten Durchgang schreien seine Musiker auf, erst dann donnert Haydns Anti-Schlaf-Mittel partiturgetreu. Asketische Notenbuchstabierer mögen da die Nase rümpfen. Den verdutzten heutigen Wienern hat‘s, wie den damaligen Londonern, gefallen – zu Recht.

Christoph Braun, 31.07.2010



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