"Mit gebrochenem Bein!" müsste es eigentlich auf dieser Doppel-DVD heißen. Im Grunde war es aber der rechte Fuß, den sich Joyce DiDonato im Juli 2009 bei der Premiere des "Barbiere di Siviglia" am Londoner Opernhaus Covent Garden brach. Die zweite, hier vorliegende Aufführung musste sie im Rollstuhl singen – "und spielen!", wie Dirigent Antonio Pappano zuvor dem verdutzten Publikum mitteilt. Der auch bei uns damals kolportierte Bühnenunfall sorgt für etliche Lacher. Das dekorative Schaufenster-Ambiente mit Speckglatzen und Gummi-Nasen – so illustrieren Moshe Leiser und Patrice Caurier die Farce vom altersgeilen Vormund, der sein Mündel heiraten will – ist nicht gerade um neue Erkenntnisse bemüht, sondern um Atmosphäre und, durchaus, um Gefälligkeit. Und zwar erfolgreich, zumal der kreischbunte Designer-Fasching von Antonio Pappano mit orchestralen Luftschlangen garniert und weich plusternd unterfüttert wird.
Die Amerikanerin Joyce DiDonato, mit perlmuttfest schönem, beweglichem Mezzo, zählt zu den besten Rosinas der Gegenwart. (Freilich, so witzig wie die Bartoli, so erotisch berechnend wie Elīna Garanča oder brillant wie Berganza und die Callas ist sie nicht.) Pietro Spagnoli als monochrom auftrumpfender Figaro sowie der überlegene Alessandro Corbelli (Bartolo) und Ferruccio Furlanetto (Basilio) sind sehr ordentlich, aber nicht wirklich prominent besetzt. Es gibt nur einen echten Grund für diesen neuen "Barbier": Juan Diego Flórez. Gegenüber der älteren DVD-Produktion (Madrid 2005 an der Seite von Maria Bayo) hat er gestalterisch einen unüberhörbaren Schritt nach vorne gemacht. Flórez macht deutlich, dass der Graf Almaviva kein näselnder Hänfling oder erotischer Nebendarsteller, sondern der echte Strippenzieher dieser Komödie ist. Exquisit! Der beste Almaviva auf Tonträgern.

Robert Fraunholzer, 07.08.2010



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