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Franz Liszt

12 Etudes d'exécution transcendante (S 139)

Vesselin Stanev

RCA/Sony 86976 5844-2
(65 Min., 1/2010)

Auf die abschätzige Bemerkung eines russischen Generals, er habe wohl noch nie in einer Schlacht gestanden, antwortete Liszt: "Nein, und Exzellenz haben nie Klavier gespielt?" Das Konzertpodium als Kriegsschauplatz, auf dem der Virtuose sein instrumentales Gegenüber zu zertrümmern sucht: Bei Liszts sogenannten großen, "transzendentalen" Etüden stellt sich die Assoziation quasi von selbst ein. Es gibt nicht viele andere Werke, deren spieltechnische Bewältigung allein schon größten Respekt einfordert und die derart vollgriffig-orchestral angelegt sind wie etwa die aufpeitschende "Mazeppa"-, die trotzige "Eroica"- oder die ganz anders, denkbar filigrane (und trillerverrückte), darum technisch nicht minder anspruchsvolle "Irrlichter"-Etüde. Wobei der Begriff der "Übung" hier, wo alles Virtuos-Technische in poetisch-romantische Emphase "transzendiert" wird, geradezu grotesk in die Irre führt. Er trifft allenfalls auf die Erstfassung des Zyklus von 1826, nicht mehr jedoch auf die letztgültige (technisch gegenüber der Zweitversion von 1837 schon wieder etwas "entschärfte") Drittfassung von 1852 zu. Sie hat auch Vesselin Stanev nun auf seiner zweiten Sony-Platte eingespielt, und zwar mit stupender, kraftstrotzender Brillanz, die auch durch eine glasklare, höchst präsente Aufnahmetechnik gebührend gewürdigt wird. Zwar berauscht sich der 46-jährige Bulgare nicht derart maßlos im und am Zirzensischen wie weiland Lazar Berman oder Shura Cherkassky. Dafür unterschlägt er aber in den donnernden Sturzbächen der chromatischen Oktavenattacken und Akkord-Arpeggien, ganz im Unterschied etwa zum Letztgenannten, auch nicht das kleinste Detail – und das bei Tempi, die immerhin Jorge Bolet, einer der Präzisesten unter den Liszt-Experten der vergangenen Jahrzehnte, durchaus scheute. Nicht ganz diese Ausnahmeklasse zeigt Stanev in den ruhigen, pastoralen bzw. impressionistisch-visionären Nummern. Hier verliert er sich ein wenig in konturenarmen Klangbildern. Gleichwohl: en gros ein berauschendes Liszt-Erlebnis.

Christoph Braun, 07.08.2010



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