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Risikogesellschaft

Risikogesellschaft

Konnex
(55 Min., 7/2009)

In der Risikogesellschaft, so die Quintessenz des gleichnamigen Buches des Soziologen Ulrich Beck, entstehen fortlaufend größere Risiken, die an die Grenzen der Sicherungsmechanismen der Gesellschaft stoßen. Die Atomisierung von Individuen und Gruppen erfolgt innerhalb immer durchdringenderer Gesamtzusammenhänge. Eine solche Beschreibung passt auch zur Musik des Baritonsaxofonisten und Bassklarinettisten Heiko Giering, des Gitarristen Boris Stankewitz und des Schlagzeugers Armin Rukwid. Jeder stößt unruhige, impulsstarke Kürzel aus, die sich dicht aufeinander beziehen und dabei ständig Farbe und Charakteristik wechseln. Aus solch kleinen, von einer aufmerksamen Tontechnik in allen Feinheiten aufgezeichneten Einheiten wachsen zarte Melodien oder raue Tongebirge, filigrane Strukturen und brachiale Abstürze. Dabei verzichten die drei auf die Trennung von Begleit- und Soloaufgaben. Sie lassen parallel verlaufende Geschichten eher fühlen als dass sie diese minutiös erzählen würden, und doch bildet sich aus diesen Teilen auch eine in sich stimmige, übergreifende Struktur. Innerhalb dieses großen Zusammenhangs bleibt Raum, sich zeitweilig nur auf einen der drei Solisten einzulassen – und bei wiederholtem Hören derselben Passage oder desselben Stücks durchaus auch auf einen anderen. Dann fällt auf, wie groß das musikalische Vokabular der drei ist, wie vielfältig Rukwids Schlagfolgen ausfallen, dass Jim Hall ein wichtiger Bezugspunkt für Stankewitz zu sein scheint und Giering nicht nur Peter Brötzmanns Eruptionen kennt, sondern auch Farbenpracht und das Volumen von Harry Carney, der 45 Jahre eine tragende Säule im Orchester Duke Ellingtons war. Die zehn Titel der "Risikogesellschaft" wühlen auf, geben zu denken und verführen trotz ihres sperrigen Charakters dazu, die Scheibe immer wieder aufs Neue zu hören und andere Facetten in sich aufzunehmen.

Werner Stiefele, 07.08.2010



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