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Frédéric Chopin

Klaviersonaten Nr. 2 u. 3

Olga Kern

harmonia mundi HMU 907464
(59 Min., 2/2005)

Olga Kern? Es soll im guten alten Europa nach wie vor Experten geben, die bei der Nennung dieses Namens mit den Schultern zucken. Und das ist in der Tat erstaunlich. Zwar macht die russische Pianistin, die 2001 die Goldmedaille beim Van-Cliburn-Kontest gewann, hauptsächlich in den USA eine Karriere, wie es so schön heißt, doch sind auch hierzulande genügend Aufnahmen verfügbar, die das Extraordinäre ihres Spiels unterstreichen. Unvergessen insbesondere ihre Rachmaninow-Eingebungen, ihr phänomenaler Brahms sowie ihre Lesart einiger Werke von Chopin. 2010 ist Chopin-Jahr, da nimmt es kaum Wunder, dass auch Olga Kern sich (wieder einmal) auf ihn besinnt. Und das Allerheiligste in Angriff nimmt: die Klaviersonaten Nr. 2 und Nr. 3. Nach wenigen Takten der b-Moll-Sonate weiß der Kern-Liebhaber: Sie ist gereift. Nicht nur klanglich (der Energetik gesellt sich äußerste Transparenz hinzu), sondern auch was die formale Durchdringung der Werke angeht. Da waltet eine gekonnte Dramaturgie, und da wird deutlich, wie sehr Chopin in diesen Sonaten sein Innerstes nach Außen gekehrt hat: Olga Kern macht sein rhapsodisches Ringen, diese seelischen (kontrapunktisch gewirkten) Aufwühlungen, (fast) in jedem Takt deutlich – mitunter allerdings allzu deutlich. Ihre Agogik greift weit aus, passagenweise kommt die Musik dabei fast zum Stillstand. Das aber ist Prinzip, in beiden Sonaten, das ist Konzept. Es geht nicht um Virtuosität (über die Olga Kern zweifelsfrei in hinreichenden Mengen gebietet), es geht um das prozessuale Wesen der Werke, ihre semantische Verfasstheit. Um das darzustellen, lässt sich die Interpretin, selbst in den beiden Scherzo-Sätzen, so viel Zeit wie kaum ein anderer Pianist, Pogorelich ausgenommen. Aber sie darf es, weil sie Zeit mit Inhalt füllt. Kurzum: eine beeindruckende Aufnahme, der es vielleicht hier und da an losgelöster Ekstatik fehlt.

Jürgen Otten, 14.08.2010



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