Gewiss, in diesem "Otello"-Film aus dem Jahre 1965 wird auf Deutsch gesungen, und das verfremdet das vertraute Verdi-Idiom doch sehr stark. Hinzu kommt, dass die Protagonisten Wolfgang Windgassen und Sena Jurinac in ihrer Stimmgebung und Phrasenausgestaltung, in ihren Portamenti und ihrer Art, sprachlich-musikalische Akzente zu setzen, aus heutiger Sicht mitunter sehr "Deutsch" agieren. Man mache sich dennoch die Mühe, diese irritierenden Aspekte auszublenden zugunsten des Erlebens dieser Geschichte als solcher. Dann wird man die grandiose Personenführung Otto Schenks genießen können, wird die fein gezeichnete, detailreiche Charakterisierung der einzelnen Figuren schätzen lernen: Nicht abstrakte Gestalten sind hier zu beobachten, sondern Menschen aus Fleisch und Blut, jeder für sich gefangen in eigenen Ängsten und Beschränkungen und doch verzweifelt ringend um Verständigung. Über die stimmlichen Qualitäten einer Jurinac oder eines Windgassen muss nicht weiter gesprochen werden. Man freue sich darüber hinaus auf Norman Mittelmann als einen Jago der leisen Töne: wirkungsvoll intrigant und bösartig, dabei nur selten aufbrausend oder gar polternd. Der junge Adolf Dallapozza gerät ihm als in jeder Hinsicht überzeugender Rodrigo in die Fänge.
Das Beiheft steuert wertvolle Hintergrundinformationen bei: So erfährt man, dass in dieser Produktion auch der Gesang stets live aufgenommen wurde (wodurch sich dieser Film wohltuend von späteren Opernfilmen etwa der Achtzigerjahre absetzt), dass dabei aber das Orchester, weil es vor Ort keinen Platz fand, fernab in einer anderen Lokalität untergebracht war, welch eine Koordinationsleistung! Kein Zweifel, eine bis heute sehenswerte "Otello"-Produktion – wenn man ihr nicht mit vorgefasster Meinung begegnet.

Michael Wersin, 21.08.2010



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