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Hans Werner Henze

Undine ("Ondine")

Royal Ballet, Orchester der Oper Covent Garden, Barry Wordsworth, Frederick Ashton

Opus Arte/Naxos OA 1030 D
(114 Min., 6/2009)

Nicht zu allem ist die Zeit gnädig. Zu Hans Werner Henzes Partitur für das dreiaktige Ballett "Undine" schon. Das wurde 1958 an der Royal Opera Covent Garden uraufgeführt und war das vierte und letzte der Abendfüller von Frederick Ashton. Henze hat es auf dem Höhepunkt seiner ersten Italienbegeisterung (und seiner Ballettperiode) auf Ischia komponiert. Des Meeres und der Liebe Wellen verschwimmen hier nach der in südlichere Gefilde verlegten Erzählung von de la Motte Fouqué in der tödlich endenden Vereinigung von Wassernymphe und Menschenprinz. Während Henze – nach Ashtons strengen Zeitvorgaben – einen den alten Vorbildern nachempfundenen Ballettklassiker komponierte, mit Entrées, Pas de deux, Soli und Divertissements, schuf er doch einen modernen Klang. Zwischen Streichersirren und Klavierkaskaden finden sich auch Jazzanleihen und Schlagzeug-Gewitter. Die Commedia dell'Arte fordert ihren Tribut und sogar Walzerreigen rauschen auf. Das ist modern genug und verstört doch akustisch ein konservatives Ballettpublikum nicht. 1988 hat das Royal Ballet das einst für Margot Fonteyn geschaffene Ballett rekonstruiert, auch Lila de Nobilis im Gothic-Revival-Stil gemalte Ausstattung mit ihren uralten Theatertricks kam wieder zu Ehren. Doch ist heute die Diskrepanz zu groß zwischen der alterslosen Musik und Ashtons verstaubter Choreografie. Die ist eher unfreiwillig High Camp, irgendwo zwischen "Die Roten Schuhe" und Busby Berkeley. Die zerbrechliche Miyako Yoshida als Undine und der geschmeidige Edward Watson als Palemon versuchen ihr vergeblich Leben einzuhauchen – und immer wenn der tuchwedelnde Ricardo Cervera als Meerherr Tirrenio mit seinem Nereiden, Tritonen und Wassermännern auftaucht, ist "Ein Käfig voller Narren trifft Little Mermaid" nicht weit. Schön freilich, den alten Henze im Interview zu sehen, und schön, dass die wertvolle Partitur längst ein eigenes Leben hat, zum Beispiel bei John Neumeier in Hamburg.

Matthias Siehler, 28.08.2010



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