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Johannes Brahms

Händel-Variationen, 16 Walzer op. 39, Rhapsodien op. 79

Ragna Schirmer

Berlin Classics/Edel 0016652BC
(65 Min., 8/2009)

Ohne Star-Starthilfe, dafür umso kontinuierlicher hat sich Ragna Schirmer in die erste Reihe deutschsprachiger Pianisten vorgespielt. Eine gute Basis, wie man sie anderen Künstlern, die bei den Majors unreguliert mitlaufen, nur wünschen könnte. Höhepunkt bisher beim offenbar gut betreuenden Label "Berlin Classics": Die Klaviersuiten von Händel im vergangenen Jahr, die von der zweimaligen Bach-Preisträgerin hübsch auf Touren gebracht wurden. Auch ihr neues, den Schritt zu Brahms meisterndes Album ist gelungen. Freilich, ganz begeistert ist man nicht.
Detailbeflissen und mit eher schwerem Ton durchmisst die inzwischen 38-jährige Mannheimer Professorin die Händel-Variationen von Brahms, wobei sie das gewichtige Tier, das hier anscheinend durch die Pampa galoppiert, schön antreibt und in Trapp versetzt (etwa in den Variationen VIII und X). Der Fluss der Musik bleibt angenehm geerdet und gleichsam deutsch, was zu einer gut wiedererkennbaren Handschrift führt. Zuweilen stiftet Schirmer herrliche Übergänge (so etwa zwischen Var. XVIII und XIX) und erzählt großbogige Geschichten. Dann wieder scheint die musikalische Energie zu erlahmen – wie beim "Stop and Go".
Bei den Walzern ist die typische Brahmsbalance zwischen Schwungholen und Gewichtgeben nie leicht zu finden. Schirmer holzt – nach dem Geschmack des Autors – mitunter zu sehr drauflos. Wie überhaupt dieser Brahms grobkörnig, aber nicht unidiomatisch klingt. Hier haben wir eine Pianistin, die ihre Herkunft nicht verhehlen will, sondern sie besonnen einzusetzen vermag. Ohne virtuoses Schaumschlagen, ohne Überrumpelungseffekte. Freilich auch ohne große Überraschungen. Um die Abgründe der bei Schirmer zu harmlos geratenen Rhapsodien zu ermessen, wird man weiterhin zu Wilhelm Kempff greifen (keineswegs veraltet). Gegen den gelenkigeren Walzer-Drive von Leon Fleisher (in der Version für Klavier solo) wirkt Ragna Schirmer zu zahm und bildungsbürgerlich. Und bei den Händel-Variationen haut selbst der melancholische Julius Katchen schärfer in die Tasten. Vielleicht ist all dies typisch. Heutige Brahmspianisten wirken oft zahnloser als ihre 50 Jahre älteren Konkurrenten.

Robert Fraunholzer, 04.09.2010



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