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Johann Sebastian Bach, Carl Philipp Emanuel Bach

Konzerte und Choräle

Gábor Boldoczki, Kristóf Baráti, Franz Liszt Kammerorchester

Sony Classical 88697 72418-2
(61 Min., 5/2010)

Was für ein Glück! Wer diese CD besitzt, darf sich gleich doppelt freuen: erstens, dass Gábor Boldoczki so elegant, farbenreich und virtuos Trompete spielt, dass man die Frage nach der Notwendigkeit seiner Bach-Bearbeitungen kaum zu stellen wagt, und zweitens, dass der 34-jährige Ungar mit seinem Spiel sogar die lustig-peinliche Übersetzung seines Grußwortes vergessen macht. "J. S. Bach", liest man auf der ersten Textseite des CD-Booklets, "gehört für mich zu einem der größten Komponisten überhaupt."
Oder haben wir nur nicht richtig verstanden, dass es hier um die Vater-Sohn-Beziehung zwischen Johann Sebastian und seinem zweitältesten Sprössling und um eine, sagen wir mal, ungewöhnliche, neue Rangordnung zwischen beiden gehen soll? Auch das wäre lustig. Doch hören wir lieber zu, was Boldoczki mit den heute als Cembalokonzerte bekannten Konzerten in A-Dur (BWV 1055, ursprünglich für Oboe oder Viola d’amore) und c-Moll (BWV 1060, ursprünglich für Oboe und Violine) sowie mit Carl Philipp Emanuels sowohl für Oboe als auch für Cembalo und Streicher gesetzten Es-Dur-Konzert umgeht. Man vernimmt: großes Selbstbewusstsein, hohe spieltechnische Kompetenz selbst bei langen Koloraturen, ein sicherer, variabler Tonansatz, die Neigung zu weiten (Atem-)Bögen, ein ausgesprochen gesangliches Grundverständnis der Solostimme. Boldoczki präsentiert sich wie eine sehr eigene Mischung aus Maurice André (als dessen Nachfolger ihn viele sehen) und Reinhold Friedrich (der ihn unterrichtete).
Auch wenn angesichts der barocken Bearbeitungspraxis von Originalfassungen, die bei den beiden Werken des Vaters ohnehin verschollen sind, kaum die Rede sein kann: Tröstlich wäre immerhin, dass man sie hier nicht vermissen muss. Sogar die (vor allem harmonischen) Kratzbürstigkeiten im Stück des stürmenden und drängenden Bach-Sohnes nutzt Boldoczki als Steilvorlage: Er nimmt das Spiel mit der Bestätigung und Enttäuschung von Hör-Konventionen auf und treibt es bis in die brillanten Läufe des Schlusssatzes hinein munter weiter. Lediglich beim Franz Liszt Chamber Orchestra hätte man sich bei allem hörbaren Bemühen um lichtes, durchsichtiges Spiel manchmal etwas weniger Affirmation und mehr Mut zu gelegentlichen Extremen gewünscht. Für die Choräle, denen Boldoczki fast einen Hauch Andacht beigibt, passen die freundlichen Streicher aber ganz prima.

Susanne Benda, 09.10.2010



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