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Live

[em]

ACT/Edel 1096682ACT
(47 Min., 7/2010)

Was ist nur plötzlich in die Deutschen gefahren? Bei der Weltmeisterschaft in Südafrika spielten sie den mit Abstand schönsten Fußball – und jetzt auch noch den mit Abstand tollsten Jazz. Meint immerhin der englische Großkritiker Stuart Nicholson, der die Live-Aufnahme des Trios [em] kurzerhand zum "wohl besten Jazzalbum der letzten 25 Jahre" erklärte.
Und selbst wenn man weiß, dass es Nicholsons Spezialität ist, dem amerikanischen Mutterland der improvisierten Musik mit übersteigerten Lobeshymnen auf europäische Gruppen eine lange Nase zu ziehen, muss man konstatieren: Möglicherweise liegt er richtig. Zumindest kann kein Zweifel mehr daran bestehen, dass sich bei Pianist Michael Wollny, Bassistin Eva Kruse und Schlagzeuger Eric Schafer aufs glücklichste alles einlöst, was der deutsche Jazz in den vergangenen Jahrzehnten an Versprechungen abgab.
Da stehen lyrisch-romantische Versponnenheit, punkiger Rotz, sympathische Kauzigkeit, derbe Heavy-Metal-Muskelspiele, Independent-Rock-Haltung, Freejazz-Reflexe und klassische Klavierliteratur-Sensibilität gleichberechtigt und sorgfältigst austariert nebeneinander.
Die Musik von [em] hat etwas naturhaft Unmittelbares, die Themen – zuweilen ein klingelndes Kürzelmotiv wie ein auf dem Mars vergessenes Kinderspielzeug (so etwa in "Shelley") – entstehen gleichsam aus dem Nichts. Zwischen den Instrumenten wogt es hin und her, es braut sich etwas zusammen – bis irgendwann ein veritabler Sturm ausbricht. Die Intensität, die Dringlichkeit, aber auch die Souveränität, mit der das geschieht, lässt einen – ähnlich wie das JazzBaltica-Publikum in Salzau – atemlos zurück. Einen Tag vor dem Konzert fegte Deutschland Argentinien übrigens mit 4:0 vom Platz. Ungefähr so verblüffend, leidenschaftlich und letztendlich triumphal muss man sich den Auftritt von [em] vorstellen.

Josef Engels, 06.11.2010



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