Es hilft nichts: So brillant Gaetano Donizettis "La Fille du Régiment" auch komponiert ist ‒ im Kern bleibt die Geschichte von dem Findelkind, das von Napoleons 21. Regiment erzogen wird und, nachdem es von seiner Mutter zurück in die Welt des Adels geholt wurde, sich nicht mehr den Sitten und Gebräuchen der Haute Volée anpassen mag, ein schlimmes militaristisches Rührstück. Einer solchen Geschichte nach zwei Weltkriegen Tiefe zu verleihen, ist eine Aufgabe, der sich der Regisseur Filippo Crivelli erst gar nicht stellt: Er lässt die Sänger in Dekorationen und Bühnenbildern agieren, die den zeitgenössischen Papier- und Kindertheatern nachempfunden sind, auf denen das Stück gerne nachgespielt wurde. Das ist gut für alle, die sich an gutem, sauberem Theaterhandwerk, Situationskomik und ästhetischen Tableaus erfreuen können. Doch die Darsteller sind nun einmal nicht aus Papier, sondern aus Fleisch und Blut.
Während sich Ewa Podles als gnadenlos chargierende Marquise de Berckenfeld auf die Zweidimensionalität des Szenarios einlässt, sehen Mariella Devia als extrem koloraturfeste Regimentstochter Marie und Paul Austin Kelly als ihr höhensicherer Verehrer Tonio viel pausbäckiger und seppliger aus, als sie klingen: Dass hinter Maries burschikosem Optimismus die Verletztlichkeit eines Waisenkinds stecken könnte, und dass Tonio mit seinem brillanten aber warm abgetönten Tenor genau der richtige Partner für einen so differenzierten Charakter sein könnte, das ahnt nur der Hörer, aber nicht der Zuschauer. Donato Renzetto dirigiert das zwiespältige Vergnügen mit Schmiss, könnte aber besonders den Chor noch leichter und vor allem rhythmisch präziser aufmarschieren lassen. Zum Kennenlernen des Werks in der Fassung der Pariser Uraufführung von 1840 (mit gesprochenen Dialogen) ist die Aufnahme geeignet. Für die Zukunft kann sie das Stück jedoch nicht retten.

Carsten Niemann, 06.11.2010



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