Wer jenen exaltierten Zelenka schätzt, der sich in harmonischen Weitläufigkeiten ergeht und der um des dramatischen Effektes willen auch vor abseitigen Rückungen und komponierten Irritationen nicht zurückschreckt; wer jenen Zelenka liebt, der mit Vorhalten so verschwenderisch umgeht, dass man am Ende schier nicht mehr weiß, was in der Musik nun Schmerz ist und was Lust - der wird von diesem späten Oratorium des böhmischen Komponisten womöglich etwas enttäuscht sein. Denn wohl bedeutet auch in "Gesù al Calvario" Passion nicht nur Leiden, sondern auch Leidenschaft - und Hermann Max setzt dies zumal mit seiner emotional erfreulich undomestiziert singenden Rheinischen Kantorei auch um -, doch insgesamt ist das Stück eher Szene als Aktion, mehr Betrachtung als Handlung.
Zelenkas Stück, das sich in seinem Untertitel schlicht als "geistliche Komposition" bezeichnet, beschränkt sich auf eine einzige Szene: Maria, Maria Magdalena, Maria Cleofa und Johannes erwarten auf dem Kalvarienberg den zum Tode verurteilten Jesus; aus ihrem Munde, also indirekt, wird auch die Kreuzigung geschildert. Zelenka beschreibt die Emotionen der Beteiligten, doch er vergisst sich nicht dabei. Fast scheint es, als empfinde er selbst die ungewöhnlichen Ausbrüche der Verzweiflung bei Jesus, die David Cordier an die Grenze seiner stimmtechnischen Kapazität und Ausdrucksfähigkeit treiben, gelassen vor dem Hintergrund der Glaubens-Gewissheit von Auferstehung und Erlösung.
Versöhnlich ist der Ton seines Oratoriums; junge, unverbrauchte Stimmen tragen ihn hier. Als Alternative zu den ritualisierten Aufführungen von Johannes- und Matthäus-Passion in der vorösterlichen Zeit sollte man Zelenka ruhig häufiger eine Chance geben.

Susanne Benda, 03.05.2001



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