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Silver Pony

Cassandra Wilson

Blue Note/EMI 50999 6297522
(61 Min., 2009)

Als sich Cassandra Wilson mit vier Jahren für ein Foto auf ein Pony setzte, bewies sie mehr Mut als ihre Brüder. Dieses Foto aus dem Familienalbum ziert den Innenteil des Booklets, während auf der Außenseite eine graphisch nachbearbeitete Version des Bilds zu sehen ist. Ähnlich verhält es sich mit dem musikalischen Material der Scheibe: Die Sängerin und ihre Band beziehen sich auf verschiedene Genres und Stile, aber sie imitieren sie nicht, sondern wandeln sie in eine neue Variante des Wilson-Sounds um. Dazu zählen markante Gitarrenmelodien und weiträumig angelegtes Akkordspiel sowie federnd den Grundbeat verzierende Rhythmen und der Einsatz vielfältiger Percussioninstrumente. Da lösen sich in "St. James Infirmary“ funky Gitarrenakkorde mit weinerlichen Sounds ab, und da gibt es im Blues "Saddle up My Pony“ fast klassische Bottleneckklänge, die allerdings etwas mehr als bei den alten Barden swingen. Zudem werten der Schlagzeuger Herlin Riley und der Percussionist Lekan Babalola die Bossa Nova "A Day in the Life of a Fool" perkussiv auf, während der Gitarrist Marvin Sewell, der Bassist Reginald Veal und der Pianist Jonathan Batiste das genretypische Wohlfühl-Gefühl liebevoll durchbrechen. Stärker als auf ihren vorherigen Platten konterkariert Cassandra Wilson die Klischees von Genres, wobei sich ihr lasziver, kehliger Alt hervorragend an den schrägen und doch wohligen Arrangements reibt. Den Kern der Platte bilden Konzertaufnahmen. Zwischen diese sind – klangtechnisch fast unmerklich – einige wenige Studioaufnahmen gemischt. Ob es Mut brauchte, dieses Album zu produzieren? Eigentlich nicht, denn diese Fortentwicklung des Bekannten erzeugt einen besonderen Reiz, dessen Resonanz beim Publikum Cassandra Wilson schon bei den Konzerten vor den Aufnahmen spüren konnte.

Werner Stiefele, 27.11.2010



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