Ist dieser Prophet nun der alttestamentarisch tobende, ja blutrünstige Wüterich oder der neutestamentarisch-christologisch gen Himmel Blickende, Versöhnende (vielleicht gar Resignierte)? Die theologisch-politische Zentralfrage an Mendelssohns berühmtestes geistliches Opus beantwortet Thomas E. Bauer mit einem Sowohl-Als auch. Die (noch vor der Ouvertüre) ausgestoßenen Strafprophezeiungen seines Titelhelden gegen die gottlosen Zeitgenossen sind zwar nicht direkt salbadernd-weihevoll, aber auch nicht 'bös und zornig und finster', wie Mendelssohn sich seinen Helden noch 1838, zu Beginn seiner Oratorienarbeit, vorgestellt hatte. Da liefert Christoph Spering schon eindeutigere Antworten. Wie der Spezialist für historische Aufführungspraxis im Allgemeinen, für Mendelssohn im Besonderen bereits die Ouvertüre dramatisiert und sein Orchester mit aufgerauten Ecken und Kanten, sattem Blech und donnernden Pauken gegen jene 'Weichheit' des Werkes respektive dessen Interpretation musizieren lässt, gegen die Mendelssohn selbst schon vergeblich wetterte und die ihm seine Kritiker bis heute vorhalten – das hebt Sperings "Elias" aus der Essener Philharmonie (wie schon seinen mustergültigen "Paulus") auf oberste Interpretenränge. Hier könnte er sogar mit Herreweghes Referenz konkurrieren, wären da nicht solistische Einschränkungen. Bauers Titelheld kommt nicht ohne ein gehörig Maß Schmalz, pardon: Vibrato aus und schrammt daher auch, vor allem im zweiten Teil, an manche sentimentalische Klippe. Und Claudia Barainskys soubrettenhaft heller Sopran wiederum trägt eine Spur zu viel Operntusche auf. Während Rainer Trost und – etwas volumenschwach – Franziska Gottwald durchaus den von Mendelssohn gewünschten Ton dieses so farbenreichen, szenisch konzipierten Oratoriums treffen. Nicht zuletzt verdienen sich die dynamisch hellwachen, nicht nur im Baals-Gemetzel gewaltig zupackenden Choristen durchweg höchstes Lob. Auch wenn, wie manche Tongebung zeigt, die Fast-Hundertschaft, mit der Spering das gigantische Aufgebot der umjubelten Birminghamer Uraufführung von 1846 nachstellte, wohl kaum nur aus Profis besteht, wie das Booklet konstatiert.

Christoph Braun, 11.12.2010



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