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Diverse

Pierre Monteux & Boston Symphony Orchestra (10 Konzerte aus der Saison 1958/59)

Pierre Monteux & Boston Symphony Orchestra

West Hill/Note 1 WHRA 6034
(1958-59) 11 CDs

Er war der zuvorkommende, elegant gekleidete, kluge und witzige Dirigent, den die Orchestermusiker, diese "härtesten Kritiker des Metiers", heiß liebten. Leon Fleisher, einer seiner bevorzugten Solistenpartner, sagte das von dem sympathischen Schnauzbartträger. Wer nun glaubt, ein solcher 'Gemütsmensch' könne nur Nettes, Unverbindliches hervorbringen, der irrt bei Pierre Monteux gewaltig, wie bei den kanadischen West Hill Radio Archives nachzuprüfen ist. Sie servieren uns nun, wieder in bestem Remastering, die zweite Konzert-Box mit dem 1875 in Paris geborenen, 89-jährig in Hancock/Maine verstorbenen Monteux und dem Boston Symphony Orchestra aus den 50er Jahren. Es sind dies Schätze der Tonträgergeschichte, da sie ein Dirigat bezeugen, das wie kaum ein anderes Genauigkeit mit Herzblut und Vitalität verknüpfte. Was Strawinsky 1913 über den – wahrlich skandalgeprüften – Uraufführungsdirigenten seines "Sacre" sagte: "Er gab meine Partitur mit vollendeter Präzision wieder. Ich verlange nichts weiter von einem Dirigenten, denn alles, was darüber hinausgeht, führt zur 'Auslegung', und die verabscheue ich" – dieses Lob machte sich Monteux offenbar zur Lebensmaxime. Fern jeder Selbstbeweihräucherung galt seine Kunst, ganz französisch, auch und gerade in der US-Wahlheimat stets der 'clarté', der Erhellung von Strukturen. Wobei das Analysegenie ("Man muss die Partitur im Kopf haben, nicht den Kopf in der Partitur") nicht nur um luzide Schönheit bedacht war, sondern, wo nötig, auch um kompromisslose Vehemenz, die sich nicht zuletzt jede Tempoverschleppung verbat. Die Konzert-Mitschnitte der Saison 1958/59 bezeugen dies auf vielfältige Art. Ob beim landsmännischen Klangfarben-Repertoire (Debussys "Nocturnes", Ravels "La Valse", D‘Indys "Symphonie cévenole"), bei seinen russischen Steckenpferden (Tschaikowskys vehement genommene vierte und fünfte Sinfonie sowie Strawinskys "Petruschka") oder gerade auch bei den höchst sorgfältig einstudierten deutschen 'Standards' (Beethovens Violinkonzert mit Berl Senofsky, eine wuchtige und doch konzise durchgearbeitete fünfte und sechste Sinfonie, Mendelssohns vierte Sinfonie und erstes Klavierkonzert mit Rudolf Serkin; ferner sein 'Liebling' Brahms, dem Monteux als junger Bratschist im Streichquartett noch vorspielen durfte, hier vertreten u. a. mit dem doppelt eingespielten Violinkonzert mit Isaac Stern und Leonid Kogan sowie dem ersten Klavierkonzert mit einem rauschhaft auftrumpfenden Leon Fleisher; sodann ein Wagner-Konzert mit der Sopranistin Margaret Harshaw und drei überschäumende Strauss-Tondichtungen bis zu Hindemiths "Nobilissima Visione"): Der stürmische Applaus, der dem Klangmagier und Dramatiker par excellence nach jedem der 10 Konzerte, mitunter noch im Schlussakkord, entgegenbrandete, ist nur zu verständlich.

Christoph Braun, 11.12.2010



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