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Wilhelm Furtwängler

Sinfonie Nr. 2 e-Moll

Symphonieorchester des BR, Eugen Jochum

BR Klassik/Naxos 900 702
(87 Min., 12/1954) 2 CDs

Ein Dirigent, der selbst komponiert, kann Partituren verständiger durchleuchten als ein 'Nur-Dirigent'. Ebenso plausibel scheint aber auch die Entscheidung vieler Dirigenten, das Komponieren aufzugeben – aus Einsicht, dass die eigenen Noten dann doch nicht an die der (dirigierten) 'Großen' heranreichen. Tragikomisch wirkt hier der Fall Furtwängler. Ausgerechnet der – neben Toscanini – bedeutendste Dirigent der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts und Gralshüter der deutschen Sinfonik wollte sich nie von seinem 'eigentlichen' Lebenstraum des Komponisten verabschieden. Er hinterließ nummerisch nur ein kleines Oeuvre, aber was er in seinen beiden letzten Lebensjahrzehnten schuf, war, gelinde gesagt, hypertroph – und blieb damit dem Epigonen-Verdacht ausgesetzt, die Vorbilder überragen zu wollen. Beispielsweise mit einem 80-minütigen postbrahmsianischen Klavierquintett oder mit seiner zweiten, fast eineinhalbstündigen Sinfonie von 1944/45.
Diese spätestromantische Orchesterkathedrale fertigte Furtwängler kunstvollst aus den Säulen Wagners, Bruckners, Regers, Mahlers und Strauss'. Alle vier Sätze tönen quasi von deutschem aufwühlenden und grübelnden Ernst, kompositionstechnisch gesprochen: Selbst Bruckner hatte seinen Kolossalschöpfungen nicht derart viele abrupt abreißende und immer wieder aufbrausende Steigerungswellen mitgegeben (mit einem frenetischen Apotheose-Dur-Schluss, ausgerechnet 1945!), und selbst Wagner und Reger 'chromatisierten' nicht derart konfliktbeladen. Den Eindruck des Gewollten, Gewaltsamen, Zerrissenen konnte – und wollte – auch Eugen Jochums mustergültige Präsentation vom Dezember 1954 nicht entkräften. Sie wurde zu einer Art Requiem für den musikalischen Übervater, verstarb Furtwängler doch nur wenige Tage vor der Münchener Aufführung, bei deren Proben er noch anwesend war. Die BR-Symphoniker zeigten sich schon damals, nach nur fünf Jahren unter ihrem Gründer, als fabelhaft geschlossene Truppe. Ihre glühende Intensität übertraf selbst Furtwängler mit seinen eigenen Darbietungen, etwa der vom Dezember 1951 aus Berlin, nicht. Gleichwohl wird auch diese historische Münchener Tat den Komponisten Furtwängler kaum auf den Hausalter der deutschen Sinfonik heben können.

Christoph Braun, 18.12.2010



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