Dieses vertrackte, zwischen Andacht und Prügelei, romantischem Geniekult und unheilig-machtgeiler Kirchen-Realität changierende Opern-Unikum: Wer, wenn nicht Christian Stückl, der Spielleiter der Oberammergauer Passionsspiele, Regisseur des Salzburger "Jedermann" und Chef des Münchner Volkstheaters könnte Pfitzners "Palestrina" 'fachgerechter' inszenieren? Dazu noch im katholischen München, wo das Meisterwerk des Münchner Jahrhundertwende-Komponisten seit der Uraufführung 1917 seine unangefochtene Heimstatt hat? Ein Papst mit riesigem Pappmaché-Kopf, ränkeschmiedende, süffisant grinsende, in pompöser Stretchlimousine vorfahrende Kirchenfürsten: Auch Stückl, der Gaukler Gottes, gönnt der Kirche kein gutes Image dieser Tage. Dafür dem Nationaltheater-Publikum etliche Lacher und skurrile Schauerlebnisse. Selbst die gift-(oder hoffnungs-?)grün gewandeten Engel wenden sich von ihren Stellvertretern auf Erden ab. Wenn diese sich Mitte des 16. Jahrhunderts in Trient versammeln, um gegen die lutherischen Ketzer und für die Restaurierung der Kirchenmusik zu kämpfen, aus der die Traditionalisten alles Emotional-Weltliche und Kunstvoll-Polyphone verbannen wollen, dann geht es nur um eins: um noch mehr Macht. Und Palestrina, ihr angesehenster Musiker, ist ihnen nur Mittel dazu. Dass diesem mit göttlicher Eingebung die Rettung der Kirchenkunst und die Versöhnung der Kurien-Streithähne mittels seiner berühmten "Missa Papae Marcelli" gelingt, ist zwar Legende, doch eine, für die sich auch Pfitzner begeistert. 350 Jahre später will dieser selbst die Tonkunst retten – und ruft zum Kulturkampf gegen die "jüdisch-bolschewistischen Atonalitäts-Modernisten" auf. Doch davon will Stückl nichts wissen. Ihn interessieren die allzu menschlichen Macht-Ambitionen von Kirche (und Staat), die auch und gerade die Kunst bedrängen. Dass er dabei nicht alle Längen des Werkes tilgen kann, liegt an Pfitzner, nicht an ihm. Immerhin: Mit einer beeindruckenden Kostümorgie und einer geschickten Farbregie vom graumelierten ersten Akt des grübelnd-schaffensmüden Palestrina über die grüne Engels-Hilfe bis zur knallroten Konzils-Narrenschau und grausigen Papstbüste entstaubt Stückl das Image der Oper auf unterhaltsamste Weise. Auch Simone Young, die Hamburger GMD, die dieses Jahr die Münchner Aufführung an der Elbe zeigen will, darf als Pfitzner-Reformatorin gelten. Mit geschmeidigem, vor allem in den Blechbläsern sonor-süffigem Staatsorchester-Sound führt sie zügig, wenn auch nicht immer niet- und nagelfest, durch die fast vierstündige Riesenpartitur. Nahezu makellos präsentieren sich ihre Sänger. Zwar reicht Christopher Ventris' Titelheld in puncto Strahlkraft nicht ganz an Nicolai Gedda in Kubeliks Referenzaufnahme heran, gleichwohl gebührt dem derzeitigen Bayreuther Parsifal ob seines tenoralen Durchhaltevermögens größtes Lob. Dasselbe gilt uneingeschränkt für die beiden Sopranistinnen Christiane Karg und Claudia Mahnke. Und die Riege der kirchlichen Würdenträger bietet mit Falk Struckmann, Michael Volle und Christoph Stephinger, um nur drei zu nennen, genug Gründe, in den heftigen Schlussapplaus einzustimmen.

Christoph Braun, 29.01.2011



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