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N° 1281
26.11. - 02.12.2022

nächste Aktualisierung
am 03.12.2022



Eine Platte nicht nur für Fans. Auch wenn der kanadische Exzentriker einmal mehr postum mit 'geheimnisumwitterten', bislang unveröffentlichten bzw. erstmals 'authorisierten' Aufnahmen den Goldesel machen muss. Vielleicht wäre das Album zu Goulds Lebzeiten sogar "The artist's choice" geworden, jedenfalls auf dem Sektor Solokonzert. Versammelt es doch seine Lieblingskomponisten in aufregenden Live-Mitschnitten mit zwei Pultmagnaten, die vom damals 26- bzw. 28-Jährigen bewundert wurden und die – was weit bemerkenswerter ist – auch mit diesem zurecht kamen. (Das konnte, beispielsweise, George Szell nicht von sich behaupten, wie in Michael Stegemanns Booklet auf herrlich drastische Art nachzulesen ist). Mit Dimitri Mitropoulos verband Gould eine künstlerische Genialität, deren unerbittliche Kompromisslosigkeit im August 1958 in Salzburg zu einem denkwürdigen Bach-Erlebnis führte. Aus dem d-Moll-Konzert formen beide in gerade mal 20 Minuten ein atemloses Sturm-und-Drang-Drama. Das scheinbar monotone Uhrwerk der Ecksätze wird da – fern aller heutigen klanglichen 'Authentizitäts'-Einwände – zum drohend pochenden Schicksalspendel, das meditative Adagio zur bohrend intensiven Selbstbefragung.
Auch Schönbergs Klavierkonzert, hier in einer New Yorker Aufnahme vom März 1958, widerfährt Ähnliches. Dem retrospektiven Alterswerk von 1942 werden gemeinhin allzu dramatische Aufregungen abgesprochen – nicht so von Gould und Mitropoulos, die mit glasklarer Linienführung pianistisch wie orchestral ein polyphones Psychogramm von Hitchcocks Gnaden zeichnen. Mit dem Mozart-Kenner Josef Krips trat bei Beethovens Es-Dur-Konzert im November 1960 in Buffalo laut Gould der "meistunterschätzte Dirigent seiner Generation" ans Pult. Auch wenn nicht alles punktgenau koordiniert gelang, so fühlte sich Gould bei Krips doch hörbar gut aufgehoben. Seine stürmische Emphase (die auch exaltierte Triller-Schlenker und rasante Tempowechsel einschloss) jedenfalls machten, gekoppelt mit Krips' wahrhaft donnernden Orchestertutti, aus diesem Opus 73 jenes "Große Konzert", das gerade in seiner antinapoleonischen Wut, wie kein anderes Beethovens herrische Attitüde auszeichnet. Und auch die filigran-feierliche H-Dur-Ode des Mittelsatzes wahrt ihr Geheimnis. Da nimmt man auch gerne Goulds versponnene Gesangseinlagen in Kauf.

Christoph Braun, 12.02.2011



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