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Anton Bruckner

10 Sinfonien

Symphonieorchester des BR, Lorin Maazel

BR Klassik/Naxos 900711
(1-3/1999) 11 CDs

Dass München die Bruckner-Stadt, besser: die konservative Bruckner-Stadt schlechthin ist – wer wollte es bestreiten? Lorin Maazels BR-Live-Aufnahmen aller Sinfonien (eingeschlossen die "Nullte", ausgeschlossen das f-Moll-Frühwerk) von 1999 aus der Münchner Philharmonie unterstreichen dies – auf mitreißende Art. Anders gesagt: Man gewinnt beim damals 70-jährigen BR-Chef zwar keine neuen Bruckner-Erkenntnisse (wie etwa bei Harnoncourt, Herreweghe oder Norrington, die – mit unterschiedlichen Mitteln – gegen den glorifizierten Heiligen von St. Florian andirigieren); gleichwohl zieht einen Maazels Bruckner, hat man sich einmal mit seinen konservativen Prämissen angefreundet, geradezu rauschhaft in den Bann. Natürlich lässt sich über diese Prämissen streiten, über das Festhalten an den traditionellen, mehr oder weniger verstümmelten Zweit- und Drittfassungen ebenso wie über Maazels Tempi, die mitunter celibidachehaft langsam sind. So dass man sich beispielsweise beim Eröffnungssatz der Dritten oder dem Adagio der Vierten fragen kann: War Bruckner wirklich ein derart schwergewichtig-depressiver Grübler? Im Unterschied aber zu anderen Münchener Langsamkeitsaposteln brodelt es bei Maazel durchgängig. Mit Händen zu greifen ist die Innenspannung, mit der dieser Souverän großräumiger Sinfonik die gigantischen Satzbrocken auflädt und zusammenhält. Dabei inszeniert er, fabelhaft von den BR-Symphonikern umgesetzt, Steigerungswellen, die über ganze Partiturseiten hinweg dynamisch genauestens dosiert sind. Und die in 'großen Momenten' kulminieren, die nun wirklich groß sind (da kann selbst Thielemann, der Ritardando-Extremist, neidisch werden). Wer sich also von Bruckners Schauern der Achten und Siebten (natürlich mit dem nicht 'legitimierten' Beckenschlag!) sowie den Verzweiflungsausbrüchen der Neunten tief erschüttern lassen will, der ist bei Maazel richtig. Der ist aber auch davor gefeit, in selbstverliebtes Weltschmerz-Pathos zu driften: Gerade das choralhymnische Adagio der Fünften dirigiert Maazel erfrischend zügig gegen alle falsche Gefühligkeit. Schließlich kommt man, vor allem bei der stiefmütterlich rezipierten Sechsten, in den Genuss einer wunderbar filigranen Klangfarbenkunst, die jede Bläserkantilene und jede Pianissimo-Abdunkelung zum Ereignis macht. So kann, muss man auch Münchens konservative Bruckner-Exegeten bejubeln.

Christoph Braun, 12.03.2011



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