So richtig lernt man einen Menschen bekanntlich erst kennen, wenn man ihm in seiner Familie begegnet ist. Diese CD nun ist eine Einladung in die Familie von Patricia Kopatchinskaja – und vielleicht wird sie den einen oder anderen Skeptiker bewegen, die Kunst der jungen moldawischen Geigerin liebevoller zu beurteilen. Der Titel lautet "Rapsodia" und bezieht sich zum einen auf den Namen des Ensembles von Kopatchinskajas Vaters, des Cymbalvirtuosen Viktor Kopatschinsky. Das Rhapsodische ist aber auch eine musikalische Haltung: ein intensives Leben im musikalischen Augenblick, das den größeren Zusammenhang nicht konstruieren will, sondern ihn als gegeben voraussetzt. Es ist eine Haltung, die für gute Volksmusik typisch ist – und wie sehr sie Patricia Kopatchinskaja geprägt hat, ahnt man in jedem der Duos, die sie mit ihrem Vater spielt. Erfrischenderweise spielt es dabei keine Rolle, welcher Stilepoche die Musik angehört: Schon zu Beginn, in der mitreißenden eröffnenden Ciocârlia (einer virtuosen rumänischen Weise) gehen die Juchzer der Geige in improvisierte Imitationen von Vogelstimmen und schließlich sogar in eine lustvolle Studie voll grotesker Pick- und Zwitschergeräusche über. Im weiteren Verlauf werden die verschiedensten Verbindungen zwischen südosteuropäischer Folklore und mitteleuropäischer Avantgarde ausgelotet: von György Kurtágs hochkonzentrierten Duos für Cymbalum und Violine über die geschickte Bearbeitung von Maurice Ravels "Tzigane" für eben diese Besetzung bis hin zu Georges Enescus dritter Sonate für Violine und Klavier. Sie alle sind verbunden durch eine spürbare Lust an der eigenen Virtuosität, große Klangfarbensensibilität und der Bereitschaft von Vater und Tochter, sich vorbehaltlos zu der Portion Wahnwitz zu bekennen, die in jeder Familie schlummert.

Carsten Niemann, 19.03.2011



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