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N° 1290
28.01. - 03.02.2023

nächste Aktualisierung
am 04.02.2023



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Bird Songs

Joe Lovano

Blue Note/EMI 9058612
(65 Min., 9/2010)

Der Tenorsaxofonist Joe Lovano hat es mit 58 ganz nach oben geschafft. Enzyklopädien feiern den mehrfach ausgezeichneten Musiker als "komplettesten Tenorsaxofonisten" unserer Zeit. Auf seinem neusten Album hat er sich Charlie Parker zugewandt, dem 1955 jungvollendet gestorbenen Genie der Bebop-Revolution mit dem Spitznamen Bird. Dessen vertrackte Themen sind heute unverzichtbarer Bestandteil des Jazz-Kanons. Auch Lovano haben sie lebenslang begleitet. Immer wieder hat er sich die Frage gestellt, wie Parker seine eigenen Stücke weiterentwickelt hätte, nicht nur als der virtuose Solist, der er war, sonder auch als Arrangeur und Bandleader. Denn die zwanghafte Jagd nach dem nächsten Schuss oder Kick ließ dem Bird kaum Zeit für kompositorisch satztechnische Ausarbeitungen seiner genialischen Linien. Mit seiner 'working band' Us Five hat Lovano nun zwölf Parker-Themen und mit "Lover man" den Song, der mit dem tragischen Geschick des Bird so eng verbundenen ist, selbstbewusst seinen eigenen Arrangementvorstellungen unterzogen. Da gibt es kein überhebliches Gegen-den-Strich-Bürsten, eher ein respektvoll dekonstruktivistisches Spiel mit Themenmotiven. In Lovanos Neuzusammensetzung und im Lichte ungewohnter Tempi erhält das Material, das längst in Jazz-Lehrgängen und Prüfungsvorspielen zu Etüden geplättet und oft genug auch massakriert wird, neue Tiefe und Virulenz. Dabei ist gar nicht so entscheidend, dass Lovano auf zwei Titeln mit dem G-Mezzosopran und dem Aulochrome, einer Art Doppelsopransaxofon, zwei neue Instrumente einsetzt. Überzeugend wird die Musik durch Lovanos grandiosen, ständigen Ideenfluss, der eingebettet ist in ein vorzügliches Interagieren einer jungen Band: James Weidman hat das moderne Jazzpiano, insbesondere seine Wegbereiter Bud Powell und Thelonious Monk, verinnerlicht; Esperanza Spalding ist eine inzwischen Grammy-geadelte Bassistin, und dass mit Otis Brown III und Francisco Mela gleich zwei gleichberechtigte Schlagzeuger mitwirken, sorgt für ein dichtes rhythmisches Geflecht - aber nicht immer für fokussierte Transparenz. Vielleicht ist dieses bemerkenswerte Album mit seinen Vexierspielen nur von Kennern des Parker-Codes voll zu goutieren – aber Laune macht es einfach auch so.

Thomas Fitterling, 19.03.2011



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