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Robert Schumann, Heinz Holliger

Kreisleriana, Partita

Alexander Lonquich

ECM/Universal 476 3826
(72 Min., 11/2008)

Vielleicht sind dies tatsächlich die wertvollsten Momente eines musikalischen Festjahres. Wenn sich plötzlich das Echo der Vergangenheit so aufreibend in der Gegenwart spiegelt. Als man 2010 des 200. Geburtstags von Robert Schumann gedachte (nun gut: Chopin wurde auch ein wenig gefeiert), wurden dem Jubilar so Komponisten zur Seite gestellt, die ansonsten eher in den Insider-Zirkeln der Neuen Musik ihren Platz haben. Neben György Kurtág und Wolfgang Rihm ist es gerade der Schweizer Heinz Holliger, der aus seiner tiefen Verwurzelung im Schaffen Schumanns kein Geheimnis macht. Schon 1987 hatte er sich mit "Gesänge der Frühe" für Orchester, Chor und Tonband mehrdimensional dem gleichnamigen späten Klavierwerk Schumanns angenähert. Zwölf Jahre später komponierte Holliger eine sechssätzige Partita für Klavier, in die er zwei Intermezzi mit direktem Schumann-Bezug einpflanzte. Mit "Sphynxen für Sch." hat Holliger die beiden Sätze betitelt und versetzt die stummen Sphinx-Sätze aus Schumanns "Carnaval" nun in eine gespenstische Grabesunruhestimmung, mit aufziehenden und dann wieder im Nichts verschwindenden Klangwolken sowie fragil-gläsernen Saitentonsignalen aus dem tiefsten Inneren des Flügels. Von den Bezeichnungen der übrigen vier Sätze her schlägt Holliger einen Bogen zu Schumanns Bach (Präludium, Fuge), zu Busoni (Ciacona monoritmica) und zu Chopin (Barcarola) – wobei seine mal überdehnte, mal gelenkig-motorische Klangsprache durchaus einem schöpferischen Zersetzungsprozess der von Alexander Lonquich vorangestellten "Kreisleriana" gleichkommt.
Darüber hinaus passen beide Werke schon von der Papierform gut zueinander. Während Holliger seine Partita immerhin András Schiff widmete, verbeugte sich Schumann mit seiner "Kreisleriana" vor dem Virtuosen Chopin. Für seine Einspielung hat sich Lonquich aber nicht für die populärere, weil harmonisch leicht entschärfte Version von 1850 entschieden, sondern für die Erstfassung von 1838. Und für deren auch jähe Farbwechsel ist Lonquichs ebenso feinnerviges wie elektrisierendes Spiel einfach ideal.

Guido Fischer, 02.04.2011



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