Früher rätselte man darüber, für welchen Auftraggeber Mozart sein letztes Werk, das "Requiem", geschrieben hat. Seit diese Frage geklärt ist, diskutiert man das zweite Geheimnis dieses unvollendet gebliebenen Stücks: Das Problem, wie es am besten zu rekonstruieren ist.
Als Mozart am 5. Dezember 1791 starb, wollte seine Witwe Konstanze nicht auf das Honorar verzichten und ließ gleich drei Schüler des Meisters Hand an die abgebrochene Partitur legen: Joseph Eybler, Franz Jakob Freystädler und Franz Xaver Süßmayer. Am Ende der Arbeit standen zwei "vollendete" Handschriften. Süßmayers Version ging an den Besteller des Stückes, und die Nachwelt orientiert sich bis heute gewöhnlich an dieser Fassung. Der Musikwissenschaftler H. C. Robbins Landon stellt nun eine Version zu Diskussion, in der sich die Einflüsse der drei Schüler mischen. Das Ergebnis betrifft jedoch nur Instrumentationsdetails; man erlebt hinsichtlich der verwendeten Partitur kein "neues" Mozart-Requiem.
Aufhorchen lässt freilich Bruno Weils Interpretation. Trotz alter Instrumente gelingt dem Dirigenten große Flexibilität: Fast kammermusikalisch spinnen die Bassetthörner zu Beginn ihre melancholischen Kontrapunkte, bevor sich das Werk in den Tonfall eines dramatischen Oratoriums hinein steigert. Weil inszeniert das Stück als Oper, lässt Gesangsensemble und Solisten (herrlich im "Confutatis") in Dialog miteinander treten. Beim Hören eröffnen sich interessante Parallelen zum Schlussakt des "Don Giovanni": Hier wie dort hat Mozart gewissermaßen Blicke in die Hölle getan und musikalisch dargestellt. "Hauptperson" – neben einer gediegenen Solistenleistung – ist der Chor, der wie in einem griechischen Drama die Seele des Verstorbenen ins Paradies leitet.

Oliver Buslau, 20.04.2000



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