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Frédéric Chopin

Nocturnes

Amir Katz

Oehms Classics/harmonia mundi OC 779
(108 Min., 3 & 4/2010) 2 CDs

Liebesträume, einer nach dem anderen. Meist introvertiert, weltabgewandt, ja manchmal sogar ganz dieser Welt abhanden gekommen. Wenige Male bricht der Furor durch, da muss die ganze Wut hinaus, wird das Keusche plötzlich feurig, verwandelt sich das leise Hin- und Herwiegen der Seele in ein wahres Höllenfeuer. So sind sie, die 21 Nocturnes von Frédéric Chopin (also inklusive der postumen), und in vielen Momenten sind sie so schön, dass man gar nicht mehr anders möchte als in ihnen beheimatet sein ein Leben lang. Vor allem dann nicht, wenn sie so einfühlsam (ja: einfühlsam, es gibt kein anderes Wort, kein besseres, kein triftigeres) gespielt werden wie von dem israelischen Pianisten Amir Katz, den betrüblicherweise hierzulande nach wie vor nicht sehr viele Menschen kennen. Das sollte sich mit dieser Aufnahme augenblicklich ändern. Einen Fein-, Klang-, Tast- und Spürsinn hat dieser Mann in seinen Händen und in seinem Kopf und in seinem Herzen, dass man nur niederknien kann vor so viel Zartgefühl und vor so viel Geschmeidigkeit (auch und gerade in agogischen Angelegenheiten). Aber wie gesagt, manchmal rollen die Wellen doch über alles hinweg, siehe den Mittelteil des F-Dur-Nocturnes op. 15/1. Katz stellt sich nicht dagegen, das nicht. Sondern rollt mit, bricht aus, versucht die Ekstase. Aber er versucht sie eben nur. Und vielleicht liegt darin die klitzekleine Schwäche seiner eleganten Interpretation: dass er, wo die Stürme toben, immer noch bemüht ist, das Ganze im Zaum zu halten mit seiner immens entwickelten Anschlagskultur. Liebesträume, lieber Amir Katz, sind manchmal und besonders bei Chopin auch Liebesalpträume. Und wenn es noch so schmerzensreich ist.

Tom Persich, 07.05.2011



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