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Pierre Boulez

Sur Incises, Messagesquisse, Anthèmes 2

Jean-Guihen Queyras, Hae-Sun Kang, Ensemble Intercontemporain, Pierre Boulez

Deutsche Grammophon 463 475-2
(66 Min., 10/1999, 12/1999) 1 CD

Fällt der Name des Komponisten Boulez, ist der Begriff "Work In Progress" nicht weit. Selten ist ein Werk für ihn wirklich abgeschlossen, und aus der einen Komposition geht fast unweigerlich die nächste hervor. So auch hier: In "Sur Incises" transformiert Boulez sein kurzes Klavierstück "Incises" zu einem "Über-Klavierkonzert" für drei Pianisten, drei Harfen und drei Perkussionisten mit gestimmtem Schlagwerk. "Anthèmes 2"entstand auf der Basis des wiederum recht kurzen Violinstücks "Anthèmes", dessen Solostimme hier durch Live-Elektronik bearbeitet, verfremdet und erweitert wird.
"Sur Incises" stellt an die Pianisten höchste Anforderungen, oft scheint es, als ob hier Chopin, Liszt und Godowsky an drei Flügeln miteinander wetteifern - natürlich in Boulez' ureigenster, nicht-tonaler, kühl-sinnlicher Tonsprache. Der Klavierklang wird durch die Harfen und die zahlreichen Schlaginstrumente - Vibra- und Marimbafone, Glocken und Glockenspiele, Steel Drums - auf sehr interssante Weise ergänzt.
Mehr als eine Ergänzung höre ich jedoch nicht. Wenn es an dem durchaus spannenden Stück etwas zu kritisieren gibt, dann erstens, dass, trotz der verschiedenen Klangfarben von Klavieren, Harfen und Stabspielen, die Klangqualität all dieser Instrumente letztlich dieselbe ist - nämlich die von angeschlagenen bzw. gezupften und resonierenden Tönen. Und zweitens, dass, nicht zuletzt aufgrund dieser einheitlichen Tonqualität, besonders in den zahlreichen Passagen, in denen die drei Pianisten draufloshämmern, als gäbe es kein Morgen mehr, ein klangliches Durcheinander herrscht, in dem eine Harfe oder zwei Vibrafone mehr oder weniger auch nicht weiter auffielen. Boulez' Kompositionen für gemischtes Ensemble, etwa "...explosante-fixe..." oder "Répons" (beide bei Deutsche Grammophon eingespielt) zeigen sein kompositorisches Genie in einem reineren Licht.
In komplettem Kontrast zu der "Tour de force" von "Sur Incises" steht das diffizile Labyrinth von "Anthèmes 2", in dem der Geigenklang durch die live-elektronische Behandlung völlig neue, futuristische Farben gewinnt - und zwar nicht etwa seelenlos-starre, sondern glitzernde, bizarre, gläserne.

Thomas Schulz, 30.11.2000



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