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Franz Liszt

Années de pèlerinage

Louis Lortie

Chandos/Codaex CHAN 10662
(81 Min., 11/2010) 2 CDs

Aus den drei Pilgerjahren-Heften werden sich die Pianisten auch nach dem Liszt-Jahr 2011 weiterhin ihre Lieblingskapitel herauspicken. Dagegen ist zwar nichts einzuwenden, denn allein die Tondichtung "Vallée d'Obermann" aus dem Schweiz-Heft oder die desperate "Dante-Sonate" aus dem Italien-Jahrgang reichen schon aus, um Liszts Musikpoetik in bedeutsamen Dosen genießen zu können. Aber anlässlich des 200. Geburtstags von Liszt sollte man durchaus einmal innehalten und sich auf den Gesamtzyklus "Années de pèlerinage" einlassen. Zumindest wenn sich wie hier ein ausgewiesener Liszt-Kenner wie Louis Lortie auf den Weg macht, um diesen gefährlich steinigen Mount Everest der romantischen Klavierliteratur zu erklimmen.
Schließlich muss man ständig auf der Hut sein: bei dieser Gratwanderung zwischen harmonisch fülliger Wühlerei und konzentrierter Espressivo-Intensität, zwischen vollfleischigem Pathos und asketischer Spiritualität. Dass jedoch diese Extreme eben keine Gegensätze sein müssen, sondern mit einer geradezu frappierenden Natürlichkeit im technisch makellosen Vollzug zu jeweils einem großen Ganzen ausbalanciert werden können, zeigt nun Lortie. Keine Sekunde lässt er sich dabei aufs Glatteis des dekorativen Pomps führen. Auch nicht von solchen verlockenden Stürmereien wie in "Orage", das bei Lortie zu einem bedrohlichen Seelen-Minidrama wird. Und je weiter Lortie in das Spätwerk Liszts voranschreitet, desto erschütternder und aufreibender präsentiert sich das Herz-Rhythmus-System dieser visionären Klaviermusik. Allein der Klagegesang "Sunt lacrymae rerum" aus dem 3. Heft erweist sich als eine zum Bersten gespannte Reflexion über das Dies- und Jenseits. Wie gut, dass man danach doch einmal durchatmen kann. Etwa bei der überwältigend impulsiven "Tarantella" aus "Venezia e Napoli".

Guido Fischer, 14.05.2011



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