Wer in der Musikszene Russlands Fuß fassen will, der geht gewöhnlich nach Moskau oder St. Petersburg. Aber wer freiwillig sein musikalisches Glück ausgerechnet in der sibirischen Millionen-Metropole Nowosibirsk sucht, der muss schon ein besonderer Zeitgenosse sein. Der griechische Dirigent Teodor Currentzis jedenfalls hat den Schritt nicht bereut, 2004 den Posten als Chefdirigent am örtlichen Opernhaus angenommen zu haben. Zumal er es geschafft hat, aus dem Opernhaus-Ensemble einen Kammerchor und ein auf die historische Aufführungspraxis spezialisiertes Kammerorchester zu formen, die internationalen Qualitätsstandards genügen.
Ausgerechnet mit Mozarts "Requiem" will man nun auf sich aufmerksam machen. Im "Dies irae" etwa oder im "Confutatis" setzt man impulsiv und grell, schnittig und furios alles auf eine Karte, selbst Tote würden hier wieder zum Leben erweckt. Und sogar im "Sanctus" blitzen leicht swingende Züge auf. Für manchen Alte Musik-Experten und Anhänger der konservativen Karajan-Schule mag das alles hochgradig manieristisch daherkommen. Aber Teodor Currentzis ist keiner, der mit dem Dirigentenstab ständig irgendwelche effektvollen Ausrufezeichen in die Luft malen will. Für ihn spiegelt diese kompromisslos wirkende Gangart genauso Trost und Verzweiflung wider wie die balsamische Süße im "Hostias" mit ihren zarten Bitterstoffen. Schonungslos und zugleich enorm einfühlsam entwickelt so Currentzis ein Seelendrama, bei dem einem gebannt der Atem stockt. Großen Anteil daran hat neben dem vorzüglichen Chor das Solistenquartett mit u. a. einer betörend geschmeidigen Simone Kermes. Die Musikstadt Nowosibirsk scheint ab sofort eine Reise wert zu sein.

Guido Fischer, 21.05.2011



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