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Billy Rubin

Johannes Enders

Enja/Soulfood ENJA 9707
(42 Min., 25.02.2010)

Was hat es nicht schon alles im Jazz gegeben: den Trend zum Komplexen, die Zerstörung von Strukturen und deren Rekonstruktion, außerdem die Reduktion auf Essentielles und im Gegenzug plüschige Verzierungen – alles war schon mal progressiv und auch reaktionär. All das lässt der Tenorsaxophonist Johannes Enders in den sieben Titeln des Albums "Billy Rubin", benannt nach dem bei Gelbsucht und anderen Krankheiten nicht ausreichend vom Körper ausgeschiedenen Abbauprodukt Bilirubin des lebensnotwendigen Hämoglobin der roten Blutkörperchen, hinter sich.
Umfangen von einem Spannungsgeflecht des Bassisten Milan Nicholic, des Pianisten Jean Paul Brodbeck und des legendären, 1940 geborenen Schlagzeugers Billy Hart, bläst er Melodien voll Gefühl und Melancholie, in denen zwar Elemente aus all den Moden mitschwingen, die aber in keinen dieser Trends passen. Wie ein Traumwandler seine Schritte setzt, bläst er jeden einzelnen Ton behutsam und doch ohne jegliches Zögern in einem selbstverständlichen, durch nichts aufzuhaltenden Prozess. Der ständig wandelnde Reichtum an Obertönen, an Luftreibungen, an Volumen, an Dynamik und Intensität erzählt intensiv und intim von individuellem Leben, von Sich-Zurückziehen und Sich-Behaupten, von Selbstreflexion und Außendarstellung, von Zurückhaltung, Furcht und Sieg – gerade so, als reflektiere Enders eine zwei Jahre vor den Aufnahmen überwundene lebensbedrohliche Erkrankung mit dieser Musik. Wie gute Verwandte und Freunde einen Kranken unterstützen, stehen ihm seine Band-Kollegen zur Seite, indem sie ihm sensibel begegnen, auf feinste Nuancen reagieren und gleichzeitig eine verlässliche Umgebung bilden, die ihm den Rücken frei hält, ihm nicht widerspricht und ihn manchmal auch sanft führt. "Billy Rubin" ist ein unspektakuläres, großes, privates Album, das zu den berührendsten Produktionen der letzten Jahre zählt.

Werner Stiefele, 18.06.2011



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