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Live At Birdland

Lee Konitz, Brad Mehldau, Charlie Haden, Paul Motian

ECM/Universal 273 6987
(71 Min., 12/2009)

Im Alter von 83 Jahren ist der Altsaxophonist Lee Konitz auf Tonträger präsenter denn je. Seit Ende der Vierzigerjahre übt er bis heute – vor allem auf den europäischen Jazz – einen Einfluss aus, der gar nicht groß genug eingeschätzt werden kann. Seine streng logischen, klischeefreien und ausgewogenen Melodielinien gelten als Inbegriff des Cool Jazz. Immer noch haben sie diese geschmeidige Eleganz, auch wenn sie nachdenklicher erscheinen, manchmal sogar brüchig wirken. Dafür aber atmen sie eine unbedingte Konzentration auf das harmonisch-melodisch Wesentliche der Songvorlage. Damit ist Konitz ein Seelenverwandter des 80-jährigen Schlagzeugers Paul Motian, dieses Großmeisters der klangrhythmischen Reduktion. Die wiederum findet ihren schönsten Widerpart in den nachdenklichen, singend tiefgrundierten Basslinien und -figuren des 73-jährigen Charlie Haden. Die manchmal fast bohrend meditative Beschäftigung mit dem Great American Songbook dieser drei Elder Jazzmen verweist auch auf die epochale Auseinandersetzung eines Keith Jarrett mit diesem Material. Und so hat es seine Logik, dass zu diesem einmaligen, eine Woche währenden Clubgastspiel der Drei im legendären Birdland mit Brad Mehldau der Pianist der Neuen Innerlichkeit schlechthin ergänzend engagiert wurde.
Ein derartiger Auftritt ist selten genug und wohl nur in New York City möglich; welch ein Glück also, dass Mikrophone die magischen Momente dieses Quartetts eingefangen haben. Denn zauberhaft ist es fürwahr, wie sich die alten Meister quasi ohne Netz, ganz auf ihre radikal zuhörende Sensibilität für Interaktion verlassend, liebevoll der Essenz der jeweiligen Songs annehmen und dabei immer wieder melodische Rohdiamanten freilegen – und sich dann daran erfreuen, wie der Youngster des Quartetts diesen Funden einen brillanten Schliff verleiht. Man mag das Dekonstruktivismus nennen, doch suggeriert dieser Begriff ein destruktives Moment, das dieser wunderbaren Musik eben gerade nicht eignet, hat es doch etwas erhaben Erbauendes, wenn – ähnlich wie bei einer sensiblen, tiefere Strukturen erfahrbar machenden Textbetrachtung – bislang vermeintlich Banales einen anrührenden Zauber entwickelt.

Thomas Fitterling, 18.06.2011



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