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Robert Schumann, Franz Schubert

Dichterliebe, Lieder

Daniel Behle, Sveinung Bjelland, Andy Miles, RIAS Kammerchor

Capriccio/Naxos C5086
(62 Min., 6/2010)

Wer sich fragt, wo genau eigentlich der Nachwuchstenor Daniel Behle seine Stärken hat, der bekommt mit dieser CD die Antwort: Schuberts "Nachthelle" für Tenorsolo, Männerchor und Klavier, eine gefürchtete Nummer, die schon so manchen Solisten versagen oder kurz vor der Aufführung kneifen ließ, erklingt hier in einer wahrhaft mitreißenden Interpretation. Problem der Solopartie ist ihre erschreckende Höhe, verbunden mit der Anforderung, vom Pianissimo und Mezzavoce bis hin zum Forte die ganze dynamische Palette liefern zu müssen, ohne während der mehr als fünfminütigen Dauer des Stücks jemals wirklich Entspannung in Mittellage oder gar Tiefe suchen zu können. Das scheint Daniel Behle nichts auszumachen, im Gegenteil: Beim Daueraufenthalt in der eingestrichenen Oktave blüht seine Stimme erst richtig auf. Da verzeiht man ihm gern, dass er in "An die Musik" mit einer eher blassen Tiefe aufwartet und das arme "Heideröslein" mit überraschend ausladender Dramatik ein wenig überfrachtet – sind doch diese Lieder vielleicht ohnehin als Zuckerl für diejenigen Hörer ins Programm geraten, die nicht gerade das Außergewöhnliche und Extravagante suchen.
Extravagant ist indes die Darbietung des "Hirt auf dem Felsen" durch einen Tenor – hier dürften wir es, zumindest auf CD, mit einer Premiere zu tun haben. Der große Ambitus dieser Sopran-Nummer macht Behle keine Mühe, und seine Koloraturen im letzten Teil könnte so manche Kollegin vor Neid erblassen lassen. Allerdings würde man sich in diesem Stück, besonders im melancholischen g-Moll-Mittelteil, immer wieder einmal etwas mehr stimmliche Substanz und klangliche Tiefendimension wünschen. Während Behle in der "Nachthelle" mit metallischen Höhen fasziniert, irritiert er im "Hirten" hier und da durch ätherische Schmalbrüstigkeit – der Hörer bekommt quasi einen kalorienarmen Bio-Hirten serviert. Diese teils etwas körperarme Art des Stimmeinsatzes ist eine klug gewählte interpretatorische Grundhaltung Behles. Die schlanke, sehr obertonreiche Führung seines Materials ermöglicht ihm das Aufbringen erheblicher Durchschlagskraft, ohne dass die nicht allzu große Stimme dabei überfordert wird. Deshalb ist auch der oft bemühe Vergleich Behle-Wunderlich wenig hilfreich. Hört man die hier ebenfalls vorgestellte "Dichterliebe" mit Wunderlichs Interpretation als Schablone im Hinterkopf, dann muss Behles Einspielung den Kürzeren ziehen, denn Wunderlich konnte auf mehr Substanz vor allem in Tiefe und Mittellage zurückgreifen. Nein, man muss Behles "Dichterliebe" mit Freude an der Geradlinigkeit und bezwingenden Konsequenz seiner Gestaltung genießen, man muss sich freuen an der Schönheit dieser Stimme, die auf Basis einer sprachlich intelligenten, sehr kopfgesteuerten und doch oft bezaubernd lyrischen Gestaltung zum Vorschein kommt.

Michael Wersin, 25.06.2011



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