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N° 1281
26.11. - 02.12.2022

nächste Aktualisierung
am 03.12.2022



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Frédéric Chopin

The Warsaw Recital

Daniel Barenboim

DG/Universal 477 9519
(79 Min., 2/2010)

Es macht immer nachdenklich zu erleben, mit welcher geradezu maßlosen Selbstsicherheit Daniel Barenboim im Konzert an den Abgründen des manuellen Scheiterns entlang wandelt – jeden unbekannteren Künstler stieße die Kritik gnadenlos in den Orkus bei soviel Nachlässigkeit. Auch in diesem Mitschnitt seines Warschauer Chopin-Recitals durchleidet man bange Minuten in der As-Dur-Polonaise oder den reichlich hingepfuschten raschen Sätzen der b-Moll-Sonate. Barenboim meint nicht nur, er 'dürfe' das, weil er eben Barenboim ist – nein, wir erlauben es ihm ja geradezu. Denn man mag sich beim Hören noch so sehr ärgern, einen Wimpernschlag später gelangt man vielleicht schon ins reinste Klavierglück; wie absichtslos blühen ihm da farbige Belcantowunder unter der Hand auf, im Trauermarsch-Mittelteil oder am Schluss des Nocturnes in Des (op. 27/2); und in welch ätherisches Leuchten verwandelt sich der Schluss der f-Moll-Fantasie. Man verzeiht nicht nur auf der Stelle alles Missratene, man ist geradezu ergriffen, weil diese flüchtigen Episoden wie Knospen enthalten, was hätte werden können aus Barenboims Kunst.
Aber der Warschauer Abend brachte nicht nur Ahnung und Versprechen, sondern auch ganz und gar Gelungenes. Eine warme, innige, klanglich unerhört subtil ausgehorchte "Berceuse" und eine "Barcarolle", deren 'langer Abschied' mit seinem sehrenden Schmerz einmal nahezu vollkommen eingefangen ist. Das ist selten genug. So verbeugt man sich – wieder einmal – vor der Gottesgabe einer unbeschreiblichen Musikalität und hadert ein wenig damit, wie sie auf Erden verwaltet worden ist. Aber vielleicht gehören gerade diese gemischten Gefühle zu Barenboims heiklem und doch so berührendem Geschenk an die Welt der Minderbegabten.

Matthias Kornemann, 02.07.2011



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