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Wolfgang Amadeus Mozart

Klaviersonaten 1-18

Daniel-Ben Pienaar

Avie/Musikwelt AV 2209
(8/2008 & 9/2009) 5 CDs

Ob irgendein Hörer oder Kritikerkollege den Namen Daniel-Ben Pienaar schon einmal gehört hat? Konzertauftritte des jungen, in London unterrichtenden Südafrikaners scheint es auch dort kaum zu geben, allenfalls ein paar CDs bei den obskursten Labels – und plötzlich kommt, wie aus dem Nichts, diese unfassliche Aufnahme aller Klaviersonaten Mozarts. Ein Wunder, nicht weniger.
Am Anfang fehlte mir noch der Glaube. Desynchronisierte Hände in langsamen Sätzen, romantisch pedalsatter Klavierton, viele Rubati – schon wieder ein manierierter Effekthascher? Aber dieses stilistische Fluktuieren hat Methode. Pienaars Mozart trägt die Patina der Interpretationsgeschichte und er thematisiert ihre Wandlungen mit geradezu dekadentem Raffinement – übrigens auch in einem brillanten Essay im Textheft. So scheint er durch alle historischen Horizonte vom plüschigen, nervös nuancierenden „langen“ 19. Jahrhundert durch die attische Gieseking-Grazie zur neusachlichen Spröde zu wandern und aus diesen Klangerinnerungen einen individuellen, rhetorischen Stil zu destillieren, dessen Ideal die Mozartsche opera buffa ist. Pienaar singt seine Themen nicht nur vollendet phrasierend aus – das konnten schon andere –, er setzt sie in Szene wie ein Regisseur: Man meint förmlich zu hören, wie sich markant gefärbte Klangcharaktere die Bälle zuspielen. So sind die raschen Sätze von geradezu dämonischer Launenhaftigkeit, sprühend vor Geist oder auch motorisch entfesselt, wie das atemberaubend durchhetzte Finale der a-Moll-Sonate. Die langsamen Sätze sind als herrliche Gesangsszenen ausgebreitet. Liebevoll formt Pienaar die Schnörkel des Porträts der von Mozart umschwärmten Rose Cannabich im Andante der Sonate KV 309 nach, das Adagio des frühen KV 280 gewinnt geradezu Schubertschen Tiefgang – und wie Mozart hier das fis-Moll-Siciliano des Konzertes KV 488 vorausahnt, ist mir noch nie aufgefallen. Und noch im leidgehörten Variationssatz der „Alla turca-Sonate“ erreicht er ein Maß an beredter Überraschungslust, die keine Grenzen zu kennen scheint und uns geradezu beschwört, man höre das zum ersten Male. Kein Takt dieses Zyklus, der nicht beseelt, glitzernd und wie neu wäre. Vielleicht liegt Pienaars Geheimnis in seiner höchst individualisierenden Vereinnahmung noch des Formelhaftesten – und es ist ja viel Formelhaftes in diesen Stücken. So erzählt er die zentrale und oft allzu unbeachtete Mozart-Geschichte nach: wie sich der unendliche Vorrat des Konventionellen ganz subtil ins Persönlichste wandelt. Eine interpretatorische Sensation, die noch dem blasiertesten Kenner die Sprache verschlagen wird.

Matthias Kornemann, 06.08.2011



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