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Verivyr

Achim Kaufmann

Pirouet/Edel PIT 3057
(51 Min., 9/2010)

Sagt nein zum Diktat der Taktstriche und stürzt euch ins pralle Leben. Hört aufeinander, empfindet mit, wie viel Zeit ein jeder Gedanke braucht, fiebert mit ihm, unterstreicht und verstärkt ihn, und wenn ihr doch in ein festes Schema fallt, verlasst ihr es möglichst rasch wieder. Werdet trotzdem nicht beliebig, sondern strebt nach Variationen, lasst die Wiederkehr einer Idee zu und gebt ihr doch die Freiheit, ihr Erscheinungsbild zu ändern. So könnte die Spielanweisung für den Pianisten Achim Kaufmann, den Bassisten Valdo Kolli und den Schlagzeuger Jim Black lauten, wenn sie denn eine brauchen würden. Denn so intensiv und konzentriert, wie diese drei auf „Verivyr“ ihre Einfälle ineinander weben, haben sie die taktlose Freiheit verinnerlicht. Und wenn sie – wie in „Bright Industrial Smile“, „Le Quadrimoteur“, „Lonceng-Lonceng“ oder „E Jinx“ – doch einem festen Takt folgen, wird der so frei durchbrochen, dass seine Existenz allenfalls wie ein kraftvoller Groove im Dahinwehen der Töne wirkt. Es ist, als ob dieses Trio die alte Free-These verifizieren wolle, dass man Regeln hinter sich lassen und dennoch wunderschöne, intensive Musik machen könne, die ihre Hörer auf abenteuerliche Klangreisen mitnimmt, von denen sie die Bewegung und die Intensität der Begegnungen in Erinnerung behalten – und nicht das Rattern von Eisenbahnschwellen oder das Schnurren des Automotors. Wer im Winter die Schneeflocken vom Himmel fallen sieht, wird nie die fehlende Ordnung vermissen oder gar feste Abstände zwischen den einzelnen Kristallen verlangen, sondern sich an der spürbaren Einheit erfreuen und bei der Auswertung von Zeitlupenaufnahmen sogar erkennen, dass auch der scheinbar freie Fall einer rekonstruierbaren, komplexen Ordnung folgt. So ist es auch mit der Musik des Achim Kaufmann Trios: Sie strahlt bei aller Freiheit eine tiefe Harmonie aus.

Werner Stiefele, 13.08.2011



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