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N° 1272
24. - 30.09.2022

nächste Aktualisierung
am 01.10.2022



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Tutu (Deluxe Edition)

Miles Davis

Rhino/Warner 8122797687
(124 Min., 3 & 7/1986) 2 CDs

Als „Tutu“ im Oktober 1986 veröffentlicht wurde, waren die Reaktionen mitunter hämisch. „Tutu much“ befand der Rezensent des Guardian und brachte damit das Entsetzen der konservativen Jazzwelt auf den Punkt. Zu viel Elektronik, zu viel Zeitgeist, zu viel Pop.
Auch 25 Jahre später lässt sich noch trefflich über die Aufnahme streiten. Die E-Drums, die wabernden Synths, vor allem die wiederkehrenden Spielereien mit Samples von menschlichen Stimmen – das ist schon schlimm.
Aber dann wiederum erweist sich „Tutu“ trotz seiner fast schon albernen 80er-Jahre-Verankerung als erstaunlich zeitlos. Die kühlen Themen erinnern an den Miles der klassischen Phase, die unberechenbar auftauchenden Solo-Kürzel an den kontrollierten Freiheitssucher der späten 60er Jahre. Manchmal hört man inmitten des Technik-Gewitters auch erdenschwere New-Orleans-Backbeats. Und eine sehr große Portion Prince.
Anhand der zum Vierteljahrhundert-Jubiläum herausgebrachten „Tutu“-Sonderedition lässt sich feststellen: Es hätte alles ganz anders kommen können. In den hervorragenden Liner Notes von Ashley Kahn, der hier für „Tutu“ das macht, was er in Buchform für „Kind of Blue“ geleistet hat, erfährt man die Hintergründe.
Bevor Marcus Miller als Produzent hinzugezogen wurde, war Davis mit seiner damaligen Live-Band ins Studio gegangen. Das Ergebnis erblickte nicht das Licht des Plattenmarktes, wohl aber spielte der Trompeter einige der Stücke bei Konzerten. Wie etwa im Juli 1986 beim Jazzfestival in Nizza.
Es ist konsequent, dass der bislang unveröffentlichte Live-Mitschnitt der „Tutu“-Neuausgabe beigegeben wurde: Im Vergleich mit dem an den handelsüblichen Jazzrock der 70er Jahre erinnernden Nummern „Maze“ und „Carnival“ gewinnt die angreifbare, aber mutige „Tutu“-Einspielung deutlich an Statur. Wie sagt es Marcus Miller im Interview mit Ashley Kahn so schön: „Die Platte löste damals eine große Kontroverse aus. Aber genau das erwartet man ja von einem Miles-Davis-Album.“

Josef Engels, 27.08.2011



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