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Ludwig van Beethoven

Klaviersonaten 1-32

Rudolf Buchbinder

RCA/Sony 88697 875102
(9/2010-3/2011) 9 CDs, live

Schon einmal, in den späten Siebzigern, nahm Rudolf Buchbinder alle 32 Sonaten auf. Die Reaktion der Kritik war gnadenlos. Ich erinnere mich noch heute, wie ich als 13-Jähriger mit einem gewissen Schaudern las, Buchbinders Beethoven sei „Tiefkühlbeton“ oder ähnliche Nettigkeiten. Der Pianist ging unbeirrt weiter – er hatte ja auch gar keinen Grund, seinem geradlinigen, uneitlen und zupackenden Stil untreu zu werden. Aber natürlich haben 30 Jahre der öffentlichen Erkundung des Sonatenzyklus die Horizonte unendlich erweitert. Jetzt endlich war er bereit, seine Sicht erneut der CD anzuvertrauen. Das Ergebnis ist bezwingend.
Buchbinder thematisiert das Verhältnis von tastender, manchmal improvisatorischer Experimentierlust und ausgehärteter Architektur auf eindringlichste Weise. Die müdegehörte „Pathétique“ ist ein gutes Exempel. Selten ist die formbildende Verflochtenheit von wuchtigem Introitus und pulsend-bewegtem Allegro des Kopfsatzes plastischer nachgebildet worden, deren Charaktere sich in einem großen Kraftausgleich immer weiter annähern.
Wie kaum ein anderer Interpret vermag Buchbinder ein Formgeschehen freizulegen und in eine packende Erzählung zu verwandeln. In der kleinen, oft von Klavierschülern zerpflückten F-Dur-Sonate (op. 10/2) hält er das improvisatorische Motivgedränge des Kopfsatzes nur mit lockerem Band zusammen, als wisse er ebensowenig wie wir Hörer, wie es weitergehen könnte, und wenn er schließlich das barockisierende Finale so robust-gemütlich einsetzen lässt, hat er die Geschichte eines Weges von der spielerischen Flüchtigkeit zur kontrapunktischen Verfestigung nacherzählt. Es hat sich etwas Unumkehrbares ereignet.
Diese epische Gestaltungskraft besaß der Österreicher schon immer. Doch nun ist ihr eine Zartheit und Milde hinzugetreten, über die er selbst zu staunen scheint. Verliert sich im ersten Satz des Opus 22 die geradezu dröhnend zupackende B-Dur-Siegesgewissheit ins dämmrige „Waldweben“ der Durchführung, wirkt es, als begegne er in diesem Formablauf einem Bild seiner eigenen spirituellen Reifung. Verfeinerung spricht sich allerorten bewegend aus. Behutsam nimmt sich der kraftvolle Sonatenarchitekt noch des Unscheinbarsten wie der kleinen Kantilene im Mittelteil des langsamen Satzes der Opus 79-Sonatine an. Zarter könnte sie kaum erblühen.
Den tiefen Furchen der Interpretationsgeschichte begegnet er gelegentlich mit erheblicher Skepsis. Während eigentlich alle Spieler aus dem Kopfsatz des Opus 31/3 ein geistreich-glitzerndes Konversationsstück machen, als ginge es nicht anders, macht Buchbinder ein dynamisches, unwirsch drängendes Kraftstück daraus, und auch der finalen Schönheitsfeier der spirituellsten aller Sonaten, das Opus 110, traut er nicht so recht. Die Fuge schleppt sich eigentümlich fort, unregelmäßig schlägt der Puls der Rezitative, allzu mächtig scheint die Erschöpfung, als dass der 32tel-Jubel des Schlusses mehr sein könnte als ein seltsam hyperventilierender Appendix.
So befragt Buchbinder ständig interpretatorische Konventionen, doch wenn er sie umstößt, geschieht es mit einer milden Gelassenheit, die nicht mehr provozieren muss. Das Nachdenken eines ganzen Pianistenlebens spiegelt sich in diesem Beethovenzyklus. Wir hören dankbar und fasziniert zu.

Matthias Kornemann, 03.09.2011



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