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Diverse

Great Singers Live – Mirella Freni

Mirella Freni, Münchner Rundfunkorchester, Kurt Eichhorn, Vladimir Ghiaurov

BR Klassik/Naxos 900303
(60 Min., 1971 & 1987)

Als Mirella Freni sich 2005 nach 50 aktiven Jahren von der Opernbühne verabschiedete, war ihre Stimme noch immer in erstaunlicher Verfassung. Man konnte ihr nach wie vor guten Gewissens für ihre aktuelle Leistung Beifall zollen und musste ihr nicht in Erinnerung an vergangene Verdienste applaudieren. Die Grenze des guten Geschmacks hat sie stimmlich nie überschritten. Ihre Intelligenz und ihre realistische Selbsteinschätzung haben sie vor groben Fehlern in der Rollenwahl bewahrt oder sie schnell die Notbremse ziehen lassen.
In je fünf Ausschnitten aus zwei Münchner Sonntagskonzerten der Jahre 1971 und 1987 (nebst einem "Vissi d'arte" von 1983) kann man wunderbar die vokale Entwicklung der Freni von der lyrischen Sopranistin zur Verdi-Sängerin mit Spinto-Qualitäten nachvollziehen. Auf die berückenden Piani und die bewegende Innigkeit ihrer Mimì-Erzählung muss nicht mehr hingewiesen werden. Dass sie aber schon 1971 eine wunderbar geschmeidige Adriana Lecouvreur mit großen Legatobögen betörend schön gesungen hat, werden viele nicht wissen. Eben diese Auftrittsszene der Adriana hat sie auch beim Konzert 1987 zum Besten gegeben, und ich wüsste nicht, bei wem 16 intensive Bühnenjahre weniger Spuren an der Stimme hinterlassen haben. Ihr Sopran ist etwas metallischer geworden, das Vibrato schwingt etwas weiter aus, doch steht ihr stimmlich alles uneingeschränkt zur Verfügung, um mit ihren immer intensiver gestalteten Rollenporträts zu begeistern. Nach 32 Berufsjahren live eine vokal derart entspannte Figaro-Contessa abzuliefern, nötigt gehörigen Respekt ab. Und ihre leidenschaftliche Tatjana, deren Briefszene ebenfalls auf diesem Album vertreten ist, war ohnehin eine ihrer größten Leistungen der späteren Jahre. Nur schade, dass stimmliche Langlebigkeit wie die von Mirella Freni bei der Mehrheit der heutigen Sänger kein erstrebenswertes Ziel mehr zu sein scheint.

Michael Blümke, 10.09.2011



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