Der kleine ‚Kramladen des Glücks’, den Vittorio Grigolo bei seinem zweiten Rezital vor einem erstaunten Publikum entrollt, gibt zunächst Rätsel auf. Als Pralinenschachtel voll neapolitanischer Schmankerl kommt das Album etwas früh. Jedenfalls dann, wenn man bedenkt, dass Grigolos Karriere (nach Aufbaujahren in Zürich) erst letztes Jahr groß durchgestartet ist. Nun waren die Volkslieder seiner italienischen Heimat dem ehrgeizigen Toskaner offenbar auch nicht genug. Neben Leichtgewichtigem in der Tradition eines Gigli, Lanza und Pavarotti finden sich daher unvermittelt auch Arien aus „Tosca“, von Verdi und sogar Mozarts „Un aura amorosa“ auf dieser CD. Das hinterlässt einen uneinheitlichen, freilich umso kalorienreicheren Gesamteindruck.
Sei’s drum, Grigolos schlank und grazil geführter Tenor mag für „La donna è mobile“ oder „Amor ti vieta“ (aus „Fedora“) etwas mager und schwerelos klingen. Phrasierungskunst und Geschmack stehen ihm indes uneingeschränkt zu Gebote, so dass die krude Mischung immer noch einen Eindruck erstaunlicher Kunstfertigkeit hinterlässt. Ohnehin muss man zugeben, dass Grigolo jeden Anflug von Süßlichkeit vermeidet und gesanglich nichts von dem gelinden Macho-Gehabe zeigt, über das man im persönlichen Umgang mit ihm manchmal lachen muss.
Den Arien aus „Il Duca d’Alba“, „Traviata“ und „Martha“ mag hier eher der Charakter von Appetitmachern zufallen. Zu mitreißend agiler Form läuft Grigolo erst bei Rossinis „La Danza“ auf. Die „Mattinata“ von Leoncavallo verströmt sodann mehr viriles Temperament als bei Gigli. „Non ti scordar di me“ besitzt mehr Feinschliff als bei Domingo. Bei „’O paese d’ ’o sole“ kann er durchaus di Stefano das Wasser reichen. Insgesamt ein Album, das den Glücksgriff bestätigt, den Sony mit dem verrückten Italiener getan hat. Nur dass die merkwürdige Programmzusammenstellung den Eindruck erweckt, man wisse dort selber nicht so genau, wohin mit ihm.

Robert Fraunholzer, 24.09.2011



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