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Carl Philipp Emanuel Bach

Klavierkonzerte d-Moll Wq 23, C-Dur Wq 112/1, c-Moll 31

Michael Rische, Morten Schuldt-Jensen, Leipziger Kammerorchester

Hänssler Classic 98639
(62 Min., 2010)

Gerade auf dem Terrain des Klavierkonzertes zeigt das einzigartige Vater-Sohn-Verhältnis von Johann Sebastian und Carl Philipp Emanuel Bach „Verwerfungen“. Der Vater hat‘s erfunden und sein berühmtester Sohn so eigenwillig fortgeführt, dass Zeitzeugen, allen voran Haydn und Mozart, dem Vater zum Trotz einzig und allein dem Potsdamer Hofcembalisten bescheinigten, „ein Original zu seyn“. Unser heutiger Konzertbetrieb weiß von dessen 53 Gattungsbeiträgen nur wenig. Der Plattenmarkt ist da aufmerksamer. Wobei nahezu alle Interpreten, angeführt von Andreas Staier über Raphael Alpermann bis Miklos Spanyi, ganz „original“ am Cembalo, manchmal auch am Tangentenflügel sitzen. Mit Michael Rische, dem in Köln/Aachen lehrenden „Bad Boy“-Entdecker Antheils und Schulhoffs, hält nun der Steinway in das „empfindsame“ Schaffen Carl Philipps Einzug. Zu Recht, wie schon allein das Largo des C-Dur-Konzertes Wq 112/1 zeigt, das über 100 dynamische Anweisungen von pianissimo bis fortissimo enthält, und zwar für beide Hände gesondert: Wie sollte, so fragt Rische selbst rhetorisch in seinem Booklet-Beitrag, diese zukunftsweisenden Subtilitäten ein Cembalo verwirklichen? Rische vermag es, zweifellos, nicht zuletzt dank seiner hochdifferenzierten Anschlagskultur. Was Bachs Ausdrucksspektrum angeht, so lassen er und Morten Schuldt-Jensen keinen Zweifel an dessen Extreme: Katapultartig rasen beim Leipziger Kammerorchester (mit modernem Instrumentarium und ausgeklügelter, historisch informierter Spielweise) die Sechzehntelläufe empor, stürzen über Doppeloktaven wieder ab, tasten sich pianissimo voran, um plötzlich im fortissimo zu explodieren. Kaum vernimmt man eine eingängige Melodie oder eine vorausschaubare Sequenz, so bricht diese auch wieder ab. Man kann diese unkonventionelle, jenseits aller barocken Formelwelt angesiedelte Empfindungskunst Bachs „chaotisch“ nennen. Doch derart „sprechend“, glasklar und kompromisslos in der Diktion präsentiert wie von Rische und Schuldt-Jensen, fesselt sie Takt für Takt. Die Akustik im MDR-Studio hätte allerdings weniger trocken sein dürfen.

Christoph Braun, 08.10.2011



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