Deutschland verdankt seine weltweit einzigartige Orchesterdichte der Konkurrenz unter seinen zahlreichen kleinen Residenzhofhaltungen. Ein klares Bekenntnis zu diesem Erbe liefert die Thüringen Philharmonie Gotha. Als Überlebende aus dem Thüringer Orchestersterben hervorgegangen, gehört die Auseinandersetzung mit der Gothaer Musikkultur des 18. und 19. Jahrhunderts seit Jahren zu ihren Schwerpunkten. Höhepunkte aus der CD-Reihe „Musik am Gothaer Hof“ versammelt die vorliegende Produktion. Die Verbundenheit der hier zu hörenden Komponisten mit Gotha reicht von einer Stippvisite zwecks glücklicher Ehescheidung (Johann Strauß) bis hin zu langjährigem Wirken (Benda).
Es ist dabei vor allem den ausgezeichneten Solisten zu verdanken, dass in Werken wie Bendas Bratschenkonzert, Spohrs Concertino und Grützmachers „Großer Concert-Fantasie für Cello und Orchester“ jenseits ihres gefällig-virtuosen Grundtons eine tiefgründigere Ebene erkennbar wird. Dass das Niveau der Werke mit den Jahren fortzuschreiten scheint, liegt nicht an den Komponisten: Für Schweitzers halb-barocke Ouvertüre zu „Alceste“ und Bendas Bratschenkonzert wirken die modernen Instrumente viel zu schwer und unbeweglich – und der Dirigent Hermann Breuer tut zu wenig, um dieser Schwere gestalterisch entgegenzuwirken. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts ist man ganz bei sich selbst angekommen, und hier zeigt die Thüringen Philharmonie mit ihrem sauberen, belebten und inspirierten Spiel, warum auch sie selbst zum unbedingt erhaltenswerten Kulturerbe gehört.

Carsten Niemann, 08.10.2011



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