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Claude Debussy, Maurice Ravel

La mer, Nocturnes, Iberia, Rapsodie espagnole, Le tombeau de Couperin, La valse u.a.

Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR, Sergiu Celibidache

Deutsche Grammophon 453 194-2
(12/1973-11/1980) 3 CDs, + Bonus-CD

Der letzte Teil der Celibidache-Edition aus Stuttgart eignet sich hervorragend, zwei Klischeebilder auf einmal zurechtzurücken – das eine nämlich von Celibidache als notorischem Schneckentempo-Dirigenten, das andere von der vermeintlichen Parfümiertheit und Oberflächlichkeit der Musik von Debussy und, besonders, Ravel. Doch, doch, das bekommt man tatsächlich immer noch von einigen sogenannten Musikfreunden zu hören!
Celibidache bringt in der Musik der beiden oft als "Impressionisten” in einen Topf geworfenen Komponisten das Kunststück fertig, einerseits die immer vorhandene sinfonische Dimension der Werke durch gewissenhaftes Ausmusizieren auch der kleinsten motivischen Partike offenzulegen, andererseits diese Detailtreue aber in keiner Weise auf Kosten der vielbeschworenen "Atmosphäre” zu pflegen. Im Gegenteil: Selten wurden die "Düfte der Nacht” im zweiten Satz von Debussys "Ibéria” verführerischer im Raume verteilt.
Ähnliches gilt für Ravels "Rapsodie espagnole”, die in Celibidaches Interpretation in einer wahren Orgie endet – von wegen langsame Tempi! Andererseits wird "Le Tombeau de Couperin” des selben Komponisten endlich einmal in seinem wahren Gehalt realisiert. Die vermeintliche Neoklassizismus des Werks ist nur Maske, es handelt sich schließlich um eine Gedächtnis-und Trauermusik, Opfern des Ersten Weltkriegs gewidmet, zu Tanzsätzen sublimiert. Erst wenn man sich, wie Celibidache, genügend Zeit nimmt, vor allem für die herrliche "Forlane”, bekommen die Gliederpuppen, die in den meisten Interpretationen dieses Werks ihr Unwesen treiben, ein menschliches Gesicht.
Natürlich gibt es auch Einbußen, und die betreffen in erster Linie den Klang. Trotz "Original-Image Bit-Processing” (was immer das auch sein mag) herrscht in den meisten Werken ein recht pauschales Klangbild ohne allzu viel Tiefendimension vor. Schließlich handelt es sich um Rundfunkmitschnitte, die ursprünglich nicht zur Veröffentlichung vorgesehen waren. Wenn dann besonders die langsamen Sätze noch durch ein Hustenkontinuum des Stuttgarter Publikums unterlegt werden, ist das Bedauern groß – besonders angesichts derart tiefgehender, jedes Detail ins Ganze mit einbeziehenden Interpretationen.
Für ein Werk jedoch gelten genannte Einschränkungen nicht, und dieses markiert auch den Höhepunkt der CD-Box, vielleicht sogar der gesamten Edition: Debussys "Nocturnes”. Die Klangmagie, die Celibidache besonders im ersten Satz, "Nuages”, entfaltet, kennt ihresgleichen nicht – ein Ergebnis äußerster farblicher und artikulatorischer Differenzierung und trotzdem als Eingebung des Moments musiziert. Wie Celibidache in der als Bonus-CD beigegebenen "La Mer”-Probe zum Orchester sagt: "Sie improvisieren, ich folge”.

Thomas Schulz, 20.01.2000



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