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Jean Sibelius

Sibelius Edition Vol. 12: Sinfonien

Osmo Vänskä, Jaakko Kuusisto, Lahti Sinfonieorchester (Sinfonia Lahti)

BIS/Klassik Center BIS-CD-1932
(319 Min., 1995-2011) 5 CDs

Beim schwedischen BIS-Label meint man es offenbar ernst mit Jean Sibelius. Nicht nur, dass in 13 thematisch geordneten Boxen alle, wirklich alle Werke der finnischen Kulturikone (mit schwedischer Herkunft) präsentiert werden; auch jede Zweitfassung, jedes Fragment, jede noch so kleine Partitur-Änderung wird gesichtet und erstmals zu Gehör gebracht. In der Sinfonien-Box, der vorletzten der imposanten Edition, führt diese Akribie dazu, dass man statt der üblichen dreieinhalb fünf volle CDs benötigt, um zu dokumentieren, was sich „Janne“ in der Einsamkeit seines Landhauses in Järvenpää zur Großgattung der modernen abendländischen Musik hat einfallen lassen.
Die „Ergebnisse“ standen bekanntlich – pointiert abzulesen an Adornos herablassender Glosse zum „schülerhaften“, „bodenständigen Finnen“ – in Deutschland Jahrzehnte lang nicht eben hoch im Kurs oder blieben schlicht unbekannt. Seit Bernsteins und Karajans Pioniertaten der 60er Jahre änderte sich dies zunehmend; gleichwohl dürfte auch heute noch längst nicht jedem klar sein, dass zwei verschiedene (vier- bzw. dreisätzige) Fassungen der Fünften sowie zur Ersten, Dritten und Vierten Sinfonie jeweils vollständige Alternativsätze zu den üblicherweise gespielten existieren. Und auch ein Dutzend meist um die 50 Takte lange Skizzen und Umarbeitungen, die Sibelius zwischen Uraufführung und Drucklegung seiner sieben überlieferten Geschöpfe vornahm. Jaakko Kuusisto gewährt diesen reizvollen Einblick in eine Komponistenwerkstatt, die zwischen Spätromantik, modal gefärbten Tonfolgen und Atonalität, zwischen traditioneller Formgebung und eigenwilliger Motivverarbeitung changierte und hierin wahrlich von Selbstzweifeln erfüllt war. Osmo Vänskä, aber und seine hoch engagierten Sinfoniker aus Lahti präsentieren uns den „nordischen“ Nationalheiligen als klanglich aufgerauhten, von markanten Blechbläsern durchfurchten Eigenbrödler, dem das strahlend Hymnische ebenso vertraut war wie das trostlos Karge. Nur den verträumten Naturburschen – dieses tradierte Bild will uns Vänskä in seiner klarsichtigen Dramaturgie nicht auftischen, zu Recht. Ach ja: Da selbst in dieser umfassenden Annäherung an den Sinfoniker Sibelius kein Schnipsel der sagenumwobenen, vermutlich 1928 geschaffenen „Achten“ zu finden ist, existiert diese wohl wirklich nicht mehr. Der Meister selbst hat sie vernichtet. Unverzeihlich.

Christoph Braun, 22.10.2011



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