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The Complete Felsted Mainstream Collection

Coleman Hawkins, Billy Strayhorn, Johnny Hodges, Rex Stewart u.a.

Solar Records/harmonia mundi SOL 45699089
(340 Min., 1958-1959) 9 CDs

Es war 1958 eine grandiose Marketingidee des britischen Journalisten Stanley Dance, auf den modischen Bebop, Cool Jazz und Alternative Jazz einerseits und Dixieland samt New Orleans und Two-Beat andererseits mit dem selbstbewussten Kampfbegriff „Mainstream“ zu antworten und auf dem Sublabel Felsted der britischen Decca gleich neun passende Langspielplatten zu veröffentlichen. Der Begriff blieb, die Musik war noch nie komplett zusammengefasst worden und über lange Zeit auch nicht auf Einzelveröffentlichungen erhältlich. Dem ist nun abgeholfen – und tatsächlich offenbart sich ein musikhistorischer Schatz. Dass die Combos swingen, versteht sich von selbst, und dass es keine vordergründig sensationellen Soli zu hören gibt, ist ebenfalls zu erwarten. Zeittypisch bereichert eine akkordisch und mit Single-Note-Soli eingesetzte Elektrogitarre etwa die Hälfte der Titel, und zudem schimmern trotz allen Strebens nach einem reinen Jazz in einigen Stücken Rock’n’Roll- und Blueselemente durch. Alle 57 Aufnahmen zählen – so will es Dance’s Konzept ‒ nicht zu den Randbezirken der Jazzstilistiken, sondern zu deren Mitte. Dementsprechend legt eine Rhythmusgruppe die Basis und die Solireihen unaufgeregt aneinander, wobei Thema und Melodie leicht nachvollziehbar präsent bleiben. Dies mindert nicht im Geringsten deren Qualität, zumal die Solisten und Bandleader zu den damaligen Top-Musikern zählen und über beste Referenzen verfügen. Rex Stewart – sein Felsted-Album hieß einst „Rendezvous With Rex“ – spielte im Orchester von Duke Ellington Trompete, der Posaunist Dicky Wells – er ist mit „Bones For The King“ und „Trombone-Four-In-Hand“ vertreten – war unter anderem für Count Basie aktiv, und der Klarinettist Buster Bailey – „All About Memphis“ – zählte nach der Mitgliedschaft in großen Bigbands zu den gefragten Studiomusikern der 1950er. Zu der Sammlung zählen außerdem die Platten „Earl’s Backroom and Cozy’s Caravan“ des Pianisten Earl Hines, „Blues a la Mode“ des Saxofonisten Budd Johnson, „Swinging Like Tate“ des Saxofonisten Buddy Tate „The High and Mighty Hawk“ des Saxofonisten Coleman Hawkins und „Cue For Saxophone“ des Pianisten und für Duke Ellington aktiven Arrangeurs Billy Strayhorn. Ihr „Mainstream“ hat mit dem „Mainstream“ von heute nur noch wenig gemeinsam, denn der Hauptstrom der Gegenwart vereint Elemente von Rockjazz, Fusion, Cool Jazz, Bebop und des in den 1950ern als „progressive“ bezeichneten Jazz in sich. Den heutigen Mainstream hätte Stanley Dance kaum gemocht. Andererseits bereitet der fast sechsstündige Rückblick auf 1958/59 all jenen Hörvergnügen, die sich unvoreingenommen auf das hochwertige Zurückliegende einlassen wollen.

Werner Stiefele, 29.10.2011



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