Loriot hat bekanntlich auch zum „Freischütz“ Entscheidendes gesagt: „Laut Libretto benötigt man einen Wasserfall, vier Feuerräder, zwölf galoppierende Pferde, lebende Hirsche und Hunde, eine Eule, mehrere Raben, einen rasenden Eber, ein wildes Geisterheer, diverse entwurzelte Bäume, Platzregen und eine unschuldige Verlobte. Aber eben daran scheitert jede Inszenierung. Man ist verärgert und Max, ihr Verlobter, auch. Schade ...“
Der Dresdner Opernregisseur und Filmwissenschaftler Jens Neubert sah die Lösung in einer „Filmoper“, also nicht in einem Studio-Kulissen-Abklatsch à la Netrebko-Bohème, sondern in einem „richtigen“ Spielfilm mit Originalschauplätzen inklusive gruseliger Wolfsschlucht (Bielatal in der Sächsischen Schweiz), historischem Miltitzer Gutshof und Dresden, wo Weber an seinem bekanntestes Opus arbeitete, und zwar während der napoleonischen Kriege. Neuberts „Freischütz“ ist denn auch weniger ein romantisch-deutscher Waldmythos mit Moral, sondern eine – mitunter recht drastische – Kriegsparabel, in der das private Drama um Max und Agathe den zerschundenen, entwurzelten und gottlos gewordenen Soldatenseelen geschuldet ist, und zwar denen von Max (glänzend in tenoralen Höhen, schwächelnd im Mittelregister: Michael König) und seinem „Teufels“-Kumpan Kaspar (mit profundem Bariton: Michael Volle). So weit, so gut, so schlüssig. Schlüssig vor allem durch die fast professionell zu nennende Schauspielerei der namhaften, auch in den Nebenrollen exquisit besetzten Sängerschar. Neben einer schattierungsreichen, tief empfindenden Agathe Juliane Banses besticht vor allem das anmutige Ännchen Regula Mühlemanns.
Bezeichnenderweise geben sich die singenden Protagonisten in ihren Arien respektive Ensemble-Szenen weit glaubhafter als in Friedrich Kinds holprig-hausbackenen, vorgestrigen Dialogen. Das wirft die (unbeantwortete) Frage nach dem Adressaten des ambitionierten Projekts auf: Grübelnde Regietheater-Fans werden ob der naturalistischen bzw. historischen „Unmittelbarkeit“ den Kopf schütteln und die zukünftige Hör- und Sehgeneration wird mehr oder minder gähnen angesichts der „Action“, die allenfalls traditionellen Operngourmets den Puls in die Höhe treibt (gerade Neuberts Wolfsschlucht-Samiel entspringt nicht gerade der neuesten Animationstechnik). Immerhin: Daniel Harding zeigt in den bereits 2009 vorgefertigten Studioaufnahmen mit dem LSO nach einer vergleichsweise konturenarmen Ouvertüre viel Herzblut. Am kernig auftrumpfenden Berliner Rundfunkchor schließlich gibt es nichts zu mäkeln.

Christoph Braun, 05.11.2011



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