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Hector Berlioz

Grande messe des morts (1837)

Robert Murray, Paul McCreesh, Ensemble Wrocław

Signum/Note 1 SIGCD 280
(88 Min., 10/2010) 2 CDs

Mit seinen Aufnahmen zum römisch-katholischen Kolossalbarock, zur venezianischen Mehrchörigkeit, von Händels „Messiah“ und der ersten solistisch besetzten „Matthäus-Passion“ bei der DG-Archiv-Produktion erwarb sich Paul McCreesh in den letzten 30 Jahren den Ruf, der wohl klangopulenteste, mitunter auch feinsinnigste unter den „Historisten“ zu sein. Gottlob pflegt der 51-Jährige bei seinem neuen – eigenen – Label „Winged Lion“ diesen Ruf nun weiter, und zwar auf romantischem Terrain. Als künstlerischer Leiter des Wratislavia Cantans-Festival rief der Brite letztes Jahr nebst seinem bewährten Gabrieli Consort & Players fast fünf Hundertschaften aus Polens Südwesten zum philharmonischen „Ensemble Wrocław“ zusammen. Der Aufwand war nötig, um die Uraufführung jener „Grande messe des morts“ zu rekonstruieren, mit der Berlioz am 5. Dezember 1837 den Pariser Invalidendom zum Klingen brachte. Im September 2010 bebte auch die Breslauer Maria-Magdalena-Kirche. Doch McCreesh besäße nicht seinen Ruf als philharmonischer Massendompteur, wenn er beim „Tuba mirum“, „Rex tremendae“ und „Lacrymosa“ Berlioz‘ gigantisches Menschen- und Materialaufgebot (mit gut 200köpfigem Chor, Riesenorchester inklusive zehn Paukisten und Schlagwerk-Batterie sowie vier Fernorchestern) nur brachial hätte Krach machen lassen. Vielmehr inszenierte er, vor allem im gewichtigsten Abschnitt, dem bedrohlich sich verdichtenden „Lacrymosa“, ungeheure Spannungsbögen – hin zu Entladungen, die selbst noch im stärksten Fortissimo als klar strukturierte Klang-Kathedralen erstrahlten. Da gebührt denn auch den Tontechnikern Anerkennung in der Umsetzung von Berlioz‘ genialer Raum-Polyphonie. Vor allem aber unterstrich der Klangalchemist McCreesh den weitgehend kontemplativen, letztlich tröstenden Charakter dieser mit vielen subtilen Chromatismen aufwartenden Totenmesse. Nicht erst beim ungewöhnlichen „Hostias“-Dialog der hohen Flöten mit den tiefen Posaunen wird den Breslauer Kirchgängern der Atem gestockt haben. Schließlich erwarb sich auch Robert Murray in seinem äußerst heiklen „Sanctus“-Tenorsolo Lorbeeren. Bleibt noch das Staunen über die weiß Gott schillernde Designer-Aufmachung der CD und der Ärger über die fehlende Track-Liste. Gleichwohl: Dieses aufwühlende Label-Debüt des „geflügelten Löwen“ wird von sich reden machen – und macht schon jetzt große Lust auf Fortsetzungen.

Christoph Braun, 12.11.2011



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